Krieg

Ukraine als Drohnen-Schule: Kolumbiens Drogenkartelle wollen Kämpfer einschleusen

Drogenkartelle suchen einem Bericht zufolge gezielt nach ukrainischem Know-how für Drohnenangriffe. Die neue Technik hat Kolumbiens Armee bereits ihre alte Lufthoheit gekostet.

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Ein kolumbianischer Kämpfer mit den Flaggen Kolumbiens und der Ukraine an seiner Uniform.

Ein kolumbianischer Kämpfer mit den Flaggen Kolumbiens und der Ukraine an seiner Uniform.

© André Hirtz/imago

Kolumbianische Drogenkartelle und Guerillagruppen versuchen offenbar, Kämpfer in die Ukraine zu schicken, um dort moderne Techniken des Drohnenkriegs zu erlernen. Nach Recherchen der Financial Times sollen die Männer anschließend nach Kolumbien zurückkehren und ihr Wissen im Kampf gegen die Armee einsetzen.

Ähnliche Hinweise gab es bereits aus Mexiko. Ukrainische Medien berichteten im August 2025 unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, dass sich mutmaßliche Mitglieder mexikanischer und weiterer lateinamerikanischer Drogenkartelle gezielt als Freiwillige für die Internationale Legion der Ukraine gemeldet haben sollen. Ihr Ziel sei es gewesen, den Einsatz von FPV-Drohnen zu erlernen und das Wissen später gegen Sicherheitskräfte oder rivalisierende Kartelle einzusetzen.

Mutmaßliche Kartellkontakte: Ukraine schickt Kolumbianer zurück

Ein kolumbianischer Soldat, der freiwillig in den ukrainischen Streitkräften diente, bemerkte dem Bericht zufolge Verbindungen einiger Landsleute zur organisierten Kriminalität. Die betreffenden Männer seien aussortiert und zurückgeschickt worden, sagte Taras Palianytsia vom Rekrutierungszentrum des ukrainischen Verteidigungsministeriums der Financial Times.

Seit rund einem Jahr gebe es immer wieder Hinweise darauf, dass bewaffnete Gruppen aus Kolumbien gezielt Männer in den Ukraine-Krieg entsenden wollten. Eine in der Ukraine tätige kolumbianische Hilfskraft sprach gegenüber der Zeitung von komplexen Rekrutierungswegen. Ehemalige Paramilitärs, Guerillakämpfer und Soldaten würden dort gemeinsam kämpfen und lernen, Drohnen zu bedienen. Die Person wollte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben.

Kartelle suchen Wissen über ukrainische FPV-Drohnen

Besonders gefragt ist dem Bericht zufolge die Ausbildung an sogenannten FPV-Drohnen. Die Piloten steuern diese wendigen Fluggeräte aus der Perspektive einer Bordkamera direkt in ihr Ziel. Die Drohne explodiert beim Aufprall.

Ein kolumbianischer Drohnenpilot an der Front im südukrainischen Gebiet Saporischschja sagte der Zeitung, Rekrutierer der Kartelle interessierten sich vor allem für die Bedienung der Fluggeräte, den Einsatz von Sprengladungen und verschlüsselte Verbindungen zwischen Pilot und Drohne. Gerade die Verschlüsselung erschwert es der Armee, die Steuerung mit Störsendern zu unterbrechen.

Bewaffnete Gruppen versuchen nach Angaben kolumbianischer Behörden zudem, Drohnen mit Glasfaserkabeln zu beschaffen. Sie bleiben über hauchdünne Leitungen mit ihrer Bodenstation verbunden und sind deshalb weitgehend unempfindlich gegen elektronische Störsignale. Auch diese Technik wurde im Krieg zwischen Russland und der Ukraine in großem Umfang weiterentwickelt.

264 Drohnenangriffe innerhalb von zwei Jahren

Drohnen haben die Kräfteverhältnisse in Kolumbiens jahrzehntelangem Konflikt bereits verändert. Zwischen 2024 und 2025 registrierte das Verteidigungsministerium nach Angaben der Financial Times insgesamt 264 Angriffe. Meist handelte es sich um günstige handelsübliche Modelle, die zum Abwurf von Sprengsätzen umgebaut worden waren.

Im Mai wurde bei einem Angriff in einem Gebiet mit großflächigem Kokaanbau ein Soldat getötet. Sechs weitere wurden verletzt. Im April töteten Drohnen nahe der Grenze zu Ecuador drei Soldaten und trafen im südwestlichen Departamento Cauca eine militärische Radaranlage. Bereits im Dezember waren bei einem Angriff auf einen Stützpunkt sieben Soldaten ums Leben gekommen.

Der scheidende Verteidigungsminister Pedro Sánchez sprach von einer „dramatischen Veränderung“ auf dem Schlachtfeld. Lange habe sich der kolumbianische Staat bei Einsätzen gegen Guerillas und Drogenbanden auf seine Kontrolle des Luftraums verlassen können. Diese Überlegenheit sei inzwischen nicht mehr selbstverständlich.

Nach Sánchez’ Angaben vereitelte das Militär im vergangenen Jahr zwar 96 Prozent der versuchten Drohnenangriffe. Die Streitkräfte störten dabei entweder die Funkverbindungen oder zerstörten die Fluggeräte. Moderne FPV- und Glasfaserdrohnen könnten diese Abwehr jedoch zunehmend umgehen.

Kolumbien plant milliardenschweren Schutzschirm gegen Drohnen

Die Regierung reagiert mit strengeren Einfuhrbestimmungen und einem nationalen Abwehrsystem gegen Drohnen. Das Verteidigungsministerium bezifferte die geplanten Investitionen im Januar auf mehr als 6,3 Billionen kolumbianische Pesos, umgerechnet rund 1,6 Milliarden US-Dollar. Allein für die erste Phase im Jahr 2026 wurde knapp eine Billion Pesos vorgesehen.

Geplant sind feste und mobile Systeme zur Erkennung und Abwehr unbemannter Fluggeräte. Dazu gehören Anlagen für Fahrzeuge und Schiffe sowie tragbare Detektoren und Störsender. Das Ministerium hat bereits Gespräche mit möglichen Anbietern geführt.

Die größte Gefahr könnte sich jedoch kaum durch Importkontrollen stoppen lassen: das Wissen kolumbianischer Kämpfer, die aus der Ukraine zurückkehren. Militärveteranen aus dem südamerikanischen Land gelten wegen ihrer Erfahrung im jahrzehntelangen Bürgerkrieg als gefragte Kämpfer. Sie waren bereits im Jemen, im Südsudan und in der Ukraine im Einsatz. Nach Angaben der Financial Times sollen seit Beginn der russischen Invasion bis zu 500 Kolumbianer in der Ukraine getötet worden sein.

Petro warf der Ukraine Einsatz als „Kanonenfutter“ vor

Kolumbiens scheidender Präsident Gustavo Petro hatte seine Landsleute im vergangenen Oktober zur Rückkehr aufgerufen. Die Ukrainer behandelten Kolumbianer nach seinen Worten wie Menschen „einer minderwertigen Rasse“ und setzten sie als „Kanonenfutter“ ein. Die kolumbianische Regierung erhöhte anschließend die Bezahlung der eigenen Soldaten, um den finanziellen Anreiz für Einsätze in ausländischen Armeen zu verringern.

Die deutlich höheren Verdienstmöglichkeiten im Ausland blieben jedoch ein Problem, sagte Verteidigungsminister Sánchez. Kolumbianische Veteranen erhielten zu Hause häufig nur geringe Pensionen. In der Ukraine können sie ihre langjährige Kampferfahrung dagegen zu Geld machen und zugleich Kenntnisse über eine neue Generation von Waffen erwerben.

Neuer Präsident verspricht harte Linie gegen Guerillagruppen

Am Freitag übernimmt Abelardo de la Espriella das Präsidentenamt. Der rechte Hardliner hatte den zweiten Wahlgang nur knapp gegen den linken Kandidaten Iván Cepeda gewonnen. Im Wahlkampf versprach er eine härtere Sicherheitspolitik und Gefängnisse in abgelegenen Dschungelregionen.

Nach einem der jüngsten Drohnenangriffe kündigte de la Espriella an, die staatliche Autorität in den am stärksten von Gewalt betroffenen Regionen wiederherzustellen. Er übernimmt jedoch ein Land, in dem bewaffnete Gruppen nicht nur vom Drogenhandel, illegalem Bergbau und Schutzgelderpressung profitieren, sondern inzwischen auch den Luftraum über ihren Rückzugsgebieten bedrohen.

Elizabeth Dickinson von der International Crisis Group sagte der Financial Times, die Menge der verfügbaren Drohnen könne militärische oder zivile Ziele schnell überfordern. Die Streitkräfte hätten ihr Monopol über den Luftraum verloren. Das sei eine grundlegende strategische Verschiebung.

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