Wieder war Wallung. Wähler wähnten, Annalena Baerbock wolle aus der Bundesregierung abgeholt werden. Bei einer Debatte in Prag hatte sie geäußert, dass viele bald die Energie nicht mehr bezahlen könnten. Denen werde „mit Sozialmaßnahmen“ geholfen. Keinesfalls mit einer Rücknahme von Russland-Sanktionen. Die liefen so lange weiter, „wie die Ukraine mich braucht“. Dafür stehe sie dort im Wort, „egal was meine deutschen Wähler denken“.
Kesse Lippe. Ich habe eine Schwäche für Megalomanie. Anders als Oskar Lafontaine. Der nennt Baerbocks Selbstbewusstsein beziehungsweise ihr Ansinnen, Russland zu ruinieren, „faschistoid“. Ach, komm. Die Sanktionen sind doch fair. Sie ruinieren, wenn überhaupt, nicht Russland allein. So funktioniert Zerrüttungsteilhabe. Der wirtschaftliche Abstieg wird mit Sozialmaßnahmen gefedert. Der Staat erarbeitet das nötige Geld. Er druckt es. Erstaunlich, dass die Medien voll von dem Thema sind. Laut Pressekodex sollten sie doch über Suizide dezent berichten.
Zurück nach Prag: Twitter war, klar, auf der Zinne. Dabei hatte die Außenministerin nur von ihren Wählern gesprochen. Die meisten Deutschen haben aber weder für Baerbock noch für ihre Partei gestimmt. Es gibt eine Restchance, dass deren Meinung weniger egal ist. Allerdings keinen Anspruch. Leider versteigt der sogenannte Souverän sich dazu, sich als Arbeitgeber von Politikern zu verstehen. Sein Hausverstand lehrt ihn, dass zum Chef „Leck mich!“ sagt, wer das Beschäftigungsverhältnis zu beenden trachtet. Daraus folgt ein verkürztes Demokratieverständnis. Verfassungspatrioten wissen, dass Politiker in einem eher metaphorischen Sinne Diener des Volkes und nicht dazu berufen sind, bei jedem Blöken des Stimmviehs in den Stall zu rennen.
Ich rege mich nicht auf
Kritiker wiesen Baerbock auf ihren Amtseid hin: Sie habe gelobt, Schaden vom deutschen Volke zu wenden. Solche Mäkelei liegt mir fern. Ich lernte zuletzt von Experten einiges über Schadensklassen: Millionen Privatinsolvenzen und Firmenpleiten sind zwar lästig, aber weniger schädlich, als wenn Putins Truppen, die sich seit Monaten am Donbass verheben, wegen mangelnder Sanktionierung morgen via Hangelsberg und Erkner bis zur Algarve durchflanieren. Außerdem hörte ich, dass Inflation eine Art Luxusproblem und es unsolidarisch ist, wenn Deutsche über Schäden jammern, bevor ihre Lebensentwürfe sich in ähnlichem Zustand befinden wie Mariupol.
Ich rege mich nicht auf. Als Boomer hatte ich meine Zeit. Kommode Jahre, in denen Deutschland bei Völkerrechtswidrigkeiten weniger prinzipiell aufgelegt war. Es wirkte entweder, siehe Kosovo, selbst mit oder stand, wie im Irak, den Angriffskriegern nicht im Wege. Und jetzt ist eben mal, ich zitiere, wertebasierte Außenpolitik dran. Baerbock inspiriert. So eine Staatsfrau bringt einen auf schräge Ideen.
Ein Freund behauptet allen Ernstes, sich ihretwegen nach Heiko Maas zu sehnen. Kaum hatte sie im Wahlkampf über die Energiewende referiert, erforschte ich die Preise von Propangaskochern. Es liegt nicht allein, aber eben auch an ihrer abgewogenen Art und diplomatischen Finesse, dass mein Blick gerade auf einem Atombunker ruht, der für nur dreieinhalb Millionen Euro bei Immobilienscout24 zu haben ist. Westlich von Hannover, drei Etagen, Fahrstuhl. Ich schwanke noch. Unsere nächste Wohnung, sagt meine Frau, braucht einen Balkon.
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