Seit drei Wochen arbeite ich wieder in der Bibliothek von Yad Vashem. Wie jedes Mal wurde die israelische Passkontrolleurin wegen meines arabischen Namens nervös – es folgte die übliche Sonderprüfung, zivil und schnell: Vorname des Vaters, des Großvaters, zudem noch ein paar Fragen, die sich im Computer abgleichen lassen. Wer weiß, wer den Pass geklaut haben könnte. Der Name bietet auch Vorteile. Jener osmanische Soldat Ali, der 1686 in der Schlacht um Ofen (heute: Budapest) gefangen genommen und dann im Berliner Dom auf den Namen Friedrich Aly getauft wurde, stammte womöglich aus Jerusalem. Ein Palästinenser? Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.
Jedenfalls jubelt Mohamed wenn er mich von Zeit zu Zeit als „Professor Aly“ begrüßen kann. Er betreibt einen Kaffeeausschank gleich rechts, wenn man die Altstadt durchs Damaskus-Tor betritt. Diesmal fragte er: „Sie schreiben doch Bücher über Geschichte. Stimmt es wirklich, dass die Deutschen so viele Juden getötet haben?“ – „Ja das stimmt alles: sechs Millionen unschuldige und wehrlose Menschen, auch Babys, Frauen, Greise – alle.“ Stille. Warten wir ab, was Mohamed demnächst wissen möchte.
Zuletzt war ich vor 15 Monaten in Israel. Eines fällt nach dieser kurzen Zeitspanne sofort auf: Das Land boomt. Überall werden neue Straßen und Bahnlinien und Tunnel durchs Gelände gebrochen. Man hört in Europa viel vom Siedlungsbau, dabei geht es jeweils um einige Apartmentblöcke, aufregender ist die tausendfältige Bautätigkeit innerhalb der international anerkannten Grenzen. Noch zwei Jahrzehnte und das Heilige Land ähnelt Singapur.
Zwei Israelis, fünf Meinungen
Auch die zahlreichen muslimischen Gemeinden im Norden Israels expandieren, errichten neue Moscheen und Minarette von atemberaubender Höhe, so selbstbewusst, wie man sie im Der-Islam-gehört-zu-uns-Deutschland nirgendwo findet. Und die Wahlen? Die Umfragen, die an den Ausgängen der Wahllokale erhoben wurden, lagen grob neben dem Ergebnis. Die Meinungsforscher geben sich geschlagen: zwei Israelis, fünf Meinungen. In der Bundesrepublik herrscht dagegen das Prinzip „Ordnung muss sein“. Folglich sind auch Umfragen stets korrektest zu beantworten. Was ist besser?
Neulich bei einer zweitägigen Wanderung im Gebirge entlang der libanesischen Grenze, organisiert von den nach deutschem Vorbild gegründeten Naturfreunden, lernte ich das hebräische Synonym für wildes Durcheinanderreden. Es lautet: Knesset. Unvorstellbar, dass das Wort Bundestag in metaphorischem, hochemotionalem Sinn Teil der deutschen Sprache werden könnte. Am Abend sangen die nicht mehr ganz jungen Wandervögel hebräische und russische Vorwärtslieder – „aus der Zeit als wir alle noch sehr, sehr zionistisch waren“, wie mir meine Tischnachbarin selbstironisch und mit glänzenden Augen erklärte.
Und die aktuelle Politik? Aus Deutschland erreicht mich „tiefe Sorge um den Friedensprozess“. Vorsicht: Wo ist es im Nahen und Mittleren Osten derzeit so friedlich und vergleichsweise gewaltarm wie in Israel? Wo leben Araber derzeit sicherer als in Israel? Wo haben sie besseren Zugang zu Bildung, Arbeit, Konsum und medizinischer Versorgung? Das nächste Mal mehr zur künftigen Regierung und zum Iran, kurz: zur hohen Politik.
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