Auf den Philippinen sind gerade Tausende im Taifun gestorben, die Überlebenden sind durch Wassermangel und Seuchen bedroht. Und ich flüchte mit einem klimaschädlichen, Kohlendioxid ausschleudernden Jet aus dem schon eisigen Berliner Herbst in die Türkei, verlängere für mich einfach mal den Sommer. Kurz vor meiner Ankunft in Antalya hat es auch hier einen Sturm gegeben. Im Vergleich zu den Philippinen eher ein Lüftchen. Aber im Hotel ist die ins Meer führende Badetreppe abgerissen worden, sie liegt jetzt am Grund. Während ich diese Zeilen schreibe, scheint schon wieder die Sonne. Viele Hotelgäste sind sauer. Nur die jungen und schlanken wagen sich über eine Behelfsleiter aus dem Baumarkt ins Meer, die die Leute von der Tauschschule rasch herbeigeschafft haben. Alle anderen müssen mit dem Pool vorliebnehmen.
Es sind solche Ungleichzeitigkeiten von Ereignissen, die irritieren. Der Wunsch der reichen Länder, komfortabel zu leben, geht allzu oft auf Kosten von ärmeren Ländern, die sich vor den Folgen von Umweltkatastrophen kaum schützen können. Auch die kulturelle Ungleichzeitigkeit kann ich hier in Antalya wie unter einem Brennglas beobachten. Vor 25 Jahren war ich das letzte Mal hier. Damals entstanden die ersten großen Hotels an der Küste. Kilometerlang Rohbauten aus Beton, mit einfachsten krummen Holzstützen hochgezogen. Seinerzeit rätselte ich, woher die vielen Touristen für diese Bettenburgen kommen sollten. Inzwischen stehen ganz andere Paläste dort, ein Hotel prächtiger und architektonisch unverfrorener als das andere.
Damals waren kaum Frauen auf den Straßen zu sehen. Heute schlendern junge türkische Männer und Frauen durch die schön restaurierte Altstadt. Abends sitzen sie in den Biergärten und Kneipen, dazwischen junge Leute, die Musik machen. So stelle ich mir einen unbeschwerten Urlaub vor. Herr Atatürk würde staunen, was aus seiner Vision einer westlich orientierten Türkei geworden ist. In Antalya bewohnte er ein schönes Bürgerhaus, das heute ein Museum ist. 1930 war er das erste Mal hier. An der Wand lese ich einen Auszug aus den Erinnerungen seines Sekretärs, der einen Verzweiflungsanfall Atatürks nach der Ankunft schildert. Erschöpfung darüber, dass er mit seinen Reformen so langsam vorankommt, dass er überall im Land auf Widerstand stößt. Kein Wunder, der Mann hatte Sultanat und Kalifat samt arabischer Schrift abgeschafft, das Tragen von Fes und Pluderhosen verboten.
Trotz Warnungen gehe ich zur 90-Jahr-Feier auf den Platz der Republik. Krawalle gibt es nicht. Viele Familien sind gekommen, die Stimmung ist eher trotzig. Es gehört wohl Mut dazu, sich noch zu Atatürk zu bekennen. Der jetzige Premier Erdogan wolle das Andenken an ihn auslöschen, wird mir erzählt. Das Verbot von Kopftüchern im Parlament ist bereits gekippt, in den Geschäften ist der Verkauf der massiv verteuerten alkoholischen Getränke nun zwischen 22 und 6 Uhr verboten. Erdogan holt den Islam zurück, den Republikgründer Atatürk einst vom Staat getrennt hatte. Viele Türken sehen den Weg ihres Landes mit großer Sorge. Für den Hotel-Swimmingpool gibt’s eine Kleiderordnung. Das Schwimmen ist für Frauen nur mit Badeanzug oder Bikini erlaubt. Der islamische Burkini, der den ganzen Körper bedeckt, ist hier verboten. Noch.
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