Kolumne

Eine lange Geschichte des Tötens

Die grausame Hinrichtung des Clayton Derrell Lockett hat eine neue Debatte über die Todesstrafe entfacht. Hoffentlich werden Schlüsse daraus gezogen.

Karl-Heinz Karisch
3 Min
Von Karl-Heinz Karisch, Autor

Von Karl-Heinz Karisch, Autor

© Lizenz

Ja, die gute alte Zeit! Wir verorten sie heute ausnahmsweise mal im Mittelalter. Das archaische Ritual der Blutrache war damals glücklicherweise seit geraumer Zeit abgeschafft und Gerichte sprachen Recht. Dabei ging es noch etwas derb zu. Die Täterbefragung erfolgte mit Daumenschrauben, glühenden Eisen, Streckbank oder ähnlichen Folterwerkzeugen. Man war in diesen Dingen ausgesprochen kreativ und auch die am Ende verhängten Strafen waren durchaus abwechslungsreich.

Mein Geschichtslehrer malte uns das gerne in allen gruseligen Details aus, als ob er gerne mal dabei gewesen wäre. Die Delinquenten wurden einfach nur hingerichtet. Der Tötungsvorgang wurde mitunter arg in die Länge gezogen. Der Schuft sollte schließlich büßen: das Rädern, Pfählen, Vierteilen gehörte zum Standard, der Tod in den Flammen auf dem Scheiterhaufen war populär. Glücklich allenfalls die, denen der Scharfrichter den Kopf mit dem Hackebeilchen vom Rumpfe trennte. Auch das Aufknüpfen war freundlicher, kurz und bündig.

Jedenfalls war es immer großes Volkstheater auf den Marktplätzen, Herr und Frau Mustermann sollten schließlich miterleben, was Bösewichten blüht. Woher ich das weiß? Aus unserem kleinen Heimatmuseum, wo wir zusammen mit unserem Geschichtslehrer alles auf netten Schautafeln dargeboten bekamen. Hat Spaß gemacht. Zwischendurch hat er noch den Alten Fritz imitiert, köstlich. Aber ich schweife ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – der im Unterricht kaum stattfand, weil arg viel Zeit mit Fridericus Rex draufgegangen war – kamen die Völker Europas endlich zur Einsicht, dass Folter und Todesstrafe eines modernen Staates nicht länger würdig seien. Selbst die alten Nazirichter wechselten hurtig das Gewand. Nur die USA tun sich bis heute schwer, von diesen Ritualen abzulassen. Liegt es am Mörder-Gen, das die Nation belastet? Schließlich gibt es im Land der ungebremsten Möglichkeiten fünf Mal mehr Morde je 100 000 Einwohner als in Deutschland. Oder liegt es an den sozialen Ungerechtigkeiten, wie Soziologen behaupten?

Wie auch immer, die USA haben endlich die Zeichen der Zeit erkannt und bemühen sich um humane Methoden der Hinrichtung. Hängen und Erschießen wurden als altmodisch verworfen, der Elektrische Stuhl aus dem Hause Edison war lange der letzte Schrei: Schalter um und tot. Praktisch und sauber. In der Theorie. Es gibt nämlich Augenzeugen, die von einem quälend langen Sterben berichten, wenn der Tote verbrannt, blutig und vollgeschissen an den Elektroden klebt.

Dann doch lieber die Giftspritze? Leider auch nicht wirklich besser: Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr ist auch diese angeblich saubere Art zu einem grauenvollen Hinmorden entartet. Clayton Derrell Lockett starb nicht am Gift, sondern nach 43 Minuten Todesqual an einem Herzinfarkt. Wenn sein Tod einen Sinn gehabt haben sollte, dann hoffentlich den, dass endlich alle US-Bundesstaaten Abschied von dieser archaischen Bestrafungsform nehmen. Denn – wer hätte das gedacht – mit dem Sinken der Exekutionen in den USA sinkt gleichzeitig die Zahl der mörderischen Gewaltverbrechen. Viele Amerikaner denken jetzt hoffentlich um. Die gute alte Zeit war gestern, wir müssen an das Morgen denken.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de