Hefte raus: Klassenarbeit! Der Sohn einer Bekannten schrieb gerade eine Leistungskontrolle über Empathie. Im Ethikunterricht sollen die Schüler lernen, Perspektiven zu wechseln. Sehr gut. Schon in den Poesiealben der Schwarzfußindianer stand: Um jemanden zu verstehen, musst du hundert Schritte in seinen Nike Air Max Sneakers gehen.
Die Aufgabe lautete: „Elias (Name geändert) führt eine Liebesbeziehung mit einem Gegenstand. Elias gilt daher als objektophil. Versuche dich in die Gefühls- und Denkwelt von Elias hinein zu fühlen, indem du die Kompetenzschritte ‚Empathie entwickeln‘ vollziehst.“
Weltweit etwa 200 Personen objektophil
Aus Platzgründen werde ich diese Kompetenzschritte jetzt nicht vollziehen. Sie führen jedenfalls zum besseren Verständnis von Menschen, bei denen, Zitat Arbeitsblatt, „das kraftvolle Schnaufen einer Dampflok sexuelle Gefühle hervorlocken oder die Architektur des Eiffelturms bis hin zur Hochzeit führen“ kann.
Der prominenteste Fall ist der einer Schwedin, die sich einbildete, 1979 die Berliner Mauer geheiratet zu haben. Zehn Jahre später machte ein objektophober Zonenpöbel sie zur Witwe. Laut der Fachzeitschrift Cosmopolitan existieren weltweit nur 200 Personen, die sich als objektophil bezeichnen. Demgegenüber gibt es ein Vielfaches von Medienberichten über Leute, die Intimkontakte zu einer Boeing, einem Notenpult, Kran, Bahnhof, Plüschteddy oder Kernkraftwerk unterhalten.
Empathische Grundausstattung unverzichtbar
Solch Fetischismus ist äußerst selten, und obendrein ist getrost davon auszugehen, dass manch Betroffener unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidet. Fällt diese sexuelle Orientierung nun noch unter „bunt“ und „Diversity“? Oder ist sie doch eher behandlungsbedürftig? Keine Ahnung. Da sollte man vielleicht den Teddy fragen.
Eine empathische Grundausstattung scheint mir für zivilisierte Menschen unverzichtbar. Allerdings würde ich im Traum nicht auf dieses Anwendungsbeispiel kommen. Es ist billig, etwas zu verstehen, was derart weit entfernt ist, dass es nichts mit einem selbst zu tun hat.
Überall gibt es Probleme
Da gäbe es anspruchsvollere Aufgaben: Versuche, dich in einen Pegida-Demonstranten zu versetzen. Oder in jemanden von der Antifa, der AfD-Plakatkleber jagt. Oder in den Siemens-Chef, der Personal abbaut. In den Paketboten, der nicht klingelt, sondern einfach den Abholzettel einwirft. In den Araber, der israelische Fahnen verbrennt. In den Juden, der als solcher in Neukölln lieber nicht erkannt werden möchte. Oder in einen, und das ist für die Klassenbesten, SPD-Wähler.
Überall gibt es Probleme, darunter keines mit Objektophilen. Ach, es wäre ein Segen, wenn Dieter Wedel sich nur an Kamerastativen vergangen hätte. Es ist mir wumpe, ob jemand seinen Stabmixer mit der Trockenhaube betrügt. Ich werde mich niemals über solche Leute echauffieren, es sei denn, sie versuchen mir meinen Plattenspieler auszuspannen.
In diesem Zusammenhang kenne ich nur eine Sorge: Heute ist das Thema in der Schule. Morgen könnte es entsprechende Universitätslehrstühle geben und Aktivisten, die jeden ächten, der über Staubsaugeraffären zu lächeln wagt. Was immer kommen mag, ich beharre auf dem Grundkonsens aller grünen Demokraten: Jedes Mitgefühl hat verwirkt, wer einen Dieselmotor liebt.
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