Ich bin damit nicht allein. Am vergangenen Sonntag waren wir 1500. Wir trafen uns in einem Startgatter am Rande eines Truppenübungsplatzes. Sich mit einer Startnummer auf dem Sportleibchen in eine Umzäunung zu begeben, sowas finden wir Sonderlichen noch nicht sonderlich. Wir sind Breitensportler. Den Ausdruck finde ich übrigens abscheulich. Ein Obelix-Reflex. Wer ist hier breit? Möchte ich drohend fragen. Breitensportler sagen auch nur Sportfunktionäre, wenn sie eine Rede halten müssen. Sportfunktionäre treffen wir in dem Startgatter keine. Denn die verdienen ihr Geld mit dem Sport, den andere treiben. Und mit Bestechung. Aber das ist ein Thema für später. Wenn es einen Himmel geben sollte, werden wir FIFA-Chef Sepp Blatter und IOC-Boss Thomas Bach dort ganz gewiss nicht mehr begegnen müssen.
In unserem Startgatter dampft Franzbranntwein von warm gemachten Muskeln. Männer prahlen mit Trainingszeiten, die sie eigentlich zur Olympiateilnahme berechtigen müssten. Frauen haben „jetzt doch ein bisschen Angst“. Über eine laute Anlage feuert uns Gattergeschöpfe zwischendurch ein Schreihals an. Er klingt, als wäre er schon sehr lange nicht mehr liebevoll geküsst worden. Um mich herum reden Männer darüber, dass sie noch einmal aufs Klo gemusst hätten. Männer wie diese werden später Filmsequenzen zusammenschneiden, die ihre Stirnkamera während des Rennens aufnimmt.
Da kommt eine viel zu pathetische Musik drunter. Nur die Krass- und Geil-Rufe der Original-Tonspur stehen frei. Eine Gruppe von jungen Frauen trippelt auf der Stelle. Jetzt nicht kalt werden. Sie tragen alle Ballett-Tutus und kleine Schleier im Haar. Ganz klar overdressed, für einen 13,3-Kilometer-Querfeldeinlauf mit diversen Schikanen und viel Schlamm. Es ist ein Junggesellinnen-Abschied. Im direkten Vergleich kann der Hochzeitstag nur schön werden. Denn die Damen werden, wie wir alle, unter anderem nach drei Kilometern in einem großen Container bis zur Hüfte in einem fiesen Brackwasser stehen.
Wir klettern über Eskalierwände und robben unter Tarnnetzen durch müffelnden Sand. Eine Frau, die sonst wohl nicht viel Sport treibt, wünscht sich schon nach der Hälfte der Strecke den erlösenden Kollaps. „Du musst jetzt beißen, Schatz“, bellt ihr Mann, der auch schon mal besser aussah. Von Hindernis zu Hindernis joggen wir an Häuserruinen vorbei. In denen trainieren Soldaten sonst Häuserkampf. Von denen, die hier mal geübt haben, könnten einige in Afghanistan sein. Ob die auch 75 Euro zahlen würden, um einen Sonntagvormittag auf ihrem ehemaligen Truppenübungsplatz verbringen zu dürfen?
Es ist blöd, mit 180 Euro teuren Laufschuhen durch ein Schlammloch zu waten, während eine Frau in der leuchtenden Jacke des Veranstalters „Rein da, richtig rein da“ und „Weiter, weiter“ schreit. Wir leisten nichts Vernünftiges. Finden uns in behämmerten Amateurvideos wieder. Zwischen Mädchen in schlammfeuchten Tutus. Die Spielfilme bekommen Männer, die wegen Vergewaltigung angeklagt sind, wie Julian Assange. Oder Edward Snowden. Durch Illoyalität und Petzen so berühmt geworden, dass merkwürdige Deutsche in Moskau vor ihm das Knie beugen. Selbstverständlich ist das eine sonderliche Sicht. Was denn sonst.
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