Ich habe eine Schwäche für Kassel. Eine Stadt, die viel zu oft vergessen wird. Wäre Picknick nicht eine so nervende Angelegenheit, dann würde ich immer im Landschaftspark Wilhelmshöhe mit Essen auf einer Decke sitzen. Wer in den Karlsauen spaziert, wird darüber nachdenken, ob es nicht passender wäre, in einem Gehrock zu promenieren. Wasser, Schwäne, Schloss im Hintergrund, in Kassel lässt sich wunderbar nostalgisch chillen.
Allerdings möchte ich einen schnauzbärtigen Kasseler vergessen. Der Mann ist für den Kiosk auf dem zentralen Platz der Stadt verantwortlich. Ich wollte bei ihm eine Sonntagszeitung und ein paar andere Sachen kaufen. Klappte aber nicht. Der Mann hatte meinen Gruß bereits ignoriert und riss mir dann die Zeitung aus der Hand. „So wird das mal gar nichts“, herrschte er mich an, als er meinen 50-Euro-Schein sah. Wie viel Wechselgeld er denn wohl mitbringen solle. Ein Wort gab das andere. Bevor ich ohne Zeitung weiterging, hätte ich mein Gesicht nur für Anti-Stadt-Werbung wie „Kassel hasst!“ fotografieren lassen können.
So gern ich es hinkriegen möchte: Ich kann diesen pampigen Schnauzbart nicht vergessen. Was macht der wohl, wenn ein ausländischer Besucher und Documenta-Gast an seiner Bude mit Karte bezahlen möchte? Das ist an vielen Orten der Welt nicht mehr der Rede wert. Auf dem zentralen Platz in Kassel gibt es aber bargeldlos nicht nur nichts, sondern wahrscheinlich eine strenge Ermahnung obendrein.
Mit Amnesie shoppt es sich besser
Bis ich Ihnen zu schreiben begann, hatte ich meinen Plan beinahe vergessen, auf der anderen Seite der Straßenbahnschienen einen Kasseler Konter-Kiosk zu eröffnen. In Großschrift lade ich meine Kunden herzlich ein, sogar für einzelne Streifen Kaugummi mit einem 1000-Euro-Schein zu bezahlen. Würde mich ohnehin freuen, wenn ich endlich den Konsum im größeren Stil ankurbeln könnte. Denn ich begreife mich als Konjunkturmotor. Wachstum durch Shopping. Dabei spielt das Vergessen eine zentrale Rolle. Im Sportgeschäft muss ich vergessen, dass ich mit den Sportartikeln in meinem Kleiderschrank bereits die Nationalmannschaften mehrerer Schwellenländer ausstatten könnte. Im Tabakgeschäft sollte ich nicht daran denken, wie übel mir wurde, als ich das letzte Mal versuchte, Pfeife zu rauchen. Außerdem muss ich vergessen, dass ich keine halbwüchsige Tochter habe, die ich vor den Gefahren der Sexualität warnen muss. Es gab noch keinen Kongress, bei dem ich das Wort Paradigmenwechsel benutzen konnte. Gewissermaßen der Dreier-BMW unter den Fremdworten. Eben für Leute, die es nötig haben. Keine Gardinenpredigt, keine Auftritte unter Bedeutungshubern, wann sollte ich also die Pfeife wirkungsmächtig einsetzen? Vergesse ich aber augenblicklich, wenn ich den Verkäufer mag. Lasse mir erzählen, die schön geformte Pfeife sei aus dem Horn eines Säbelzahntigers. So geht es immer weiter. Teekannen, Aktentaschen, und warum habe ich noch gleich diese Perlmuttlöffel für gekochte Eier? Weil ich im Fachgeschäft vergessen hatte, dass ich meistens Rührei esse.
Sobald ich einen Campingofen sehe, mit dem sich draußen Eier braten lassen, sollte ich nicht vergessen, dass ich den unbedingt brauche. Für die nicht stattfindenden Picknicks in Kassel.
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