Immerhin merke ich noch, dass mit mir etwas nicht stimmt. In meiner Welt gibt es Krabben, die besingen, wie schön das Leben ist, so lange man auf dem Meeresboden bleibt. „Wo wär das Wasser besser und nasser, als es hier wär“, singt das Krustentier Sebastian in seiner Hauptrolle als höfische Garnele in „Arielle, die Meerjungfrau“. Elefanten bilden mit Nashörnern die Leibgarde von Prinz John, dem Gegenspieler von Robin Hood. Der ist übrigens ein Fuchs. Meine Enttäuschung währte einige Jahre, als ich hinnehmen musste, dass deutsche Füchse eher selten mit einer grünen Mütze in den Wald gehen. Selbstverständlich lässt sich die Reihe weiter fortsetzen. Leichtfertig bestelle ich beim Chinesen eine kross gebackene Ente. Dann darf ich nur nicht an das Entlein Gina denken. Die vorlaute Gefährtin des Helden, in der Cartoon-Version von Pinocchio.
Vorsicht, Freunde, die Ihr jetzt zu schnell den Stab über einen 45-jährigen Mann brecht, der seine Kindheit nicht abschütteln kann. Mir sind auch Menschen bekannt, die schon ihren 50. Geburtstag gefeiert haben, aber immer noch hoffen, dass sie bei einer Amerika-Reise Nscho-tschi treffen. Dabei hat seinerzeit Mario Adorf die Schwester von Winnetou in den Bergen Jugoslawiens ermordet. Herr Adorf hat mir einmal erzählt, wie verbittert ihm noch heute Menschen entgegentreten, weil er damals in seiner Rolle als Santer auf eine unbewaffnete Indianerin schoss. Wenn mir wieder einmal gewahr wird, dass ich einen Knall habe, freue ich mich über andere, bei denen der Tassenschrank auch weit aufsteht. Meine Schwester kann nur dann Fisch essen, wenn er nicht wie Fisch aussieht. Und ist damit nicht allein.
Viele Tierschützer springen beinahe notorisch aus dem Gleis, das zwischen Maß und Mitte verlegt ist. Wenn also die erlegte Kopenhagen-Giraffe in kürzester Zeit 60.000 Menschen nach der Schließung des Zoos rufen lässt, dann ist das nun wirklich keine Überraschung. Auch die diversen Morddrohungen nicht. Die recht neuen technischen Möglichkeiten sind Brandbeschleuniger für lodernde Hysterie in einer Zeit, in der wir so richtig leben wie noch nie. Keine Generation vor uns hat alles so sehr richtig gemacht wie wir. Wir nennen unsere Schaumküsse richtig. Wir rauchen weniger und trinken beinahe maßvoll. Mehr Leute kennen den Begriff Aqua-Jogging als den Komponisten der Moldau. Wir schaffen aber auch die Aggression ab, die dem Menschen eigentlich natürlich innewohnt. „Natürlich“ ist aber nur wichtig, wenn es um Äpfel oder Hühner geht. Wenn ansonsten einer von uns richtig austickt, dann macht er das einzig Richtige und sucht sich einen Coach.
Wenn ich es so schreibe, ist es wahrscheinlich schon wieder morddrohungswürdig: Wenn man bedenkt, wie richtig wir alles machen, zeigt sich doch an dem Kopenhagener Beispiel, wie doof Tiere tatsächlich sind. Die arme Giraffe wird gekillt und die Löwen fressen einfach alles auf. Hallo? Wahrscheinlich müssten diese Raubatzen auch einmal auf einen sozialpädagogischen Segeltörn geschickt werden, auf denen sonst Neonazis Knoten machen und menschliches Denken lernen. So einfach kann man es sich echt nicht machen, meinen meine Hauskatzen. Dabei weiß ich ganz genau, wie gleichgültig es ihnen beim Töten wäre, wenn die Krabbe schön sind.
Jörg Thadeusz, RBB-Moderator
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