Kolumne: Lob der Berliner Schule

Am Samstag gehörte einer meiner Enkel zu denen, die unter dem Motto „Schule ist cool“ in eine im Kreuzberger Osten gelegene Grundschule aufgenommen wurden. Das Gebäude stammt aus spätwilhelminischer Zeit und markiert den in Deutschland so zögerlich, dann aber ruckartig erwachten staatlichen Bildungswillen. Darin, aber nur darin, ähnelt es jener Anstalt in der Heidelberger Weststadt, in die ich vor gut 60 Jahren als ehedem so bezeichneter ABC-Schütze in die Klasse A1 einzurücken ...

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Am Samstag gehörte einer meiner Enkel zu denen, die unter dem Motto „Schule ist cool“ in eine im Kreuzberger Osten gelegene Grundschule aufgenommen wurden. Das Gebäude stammt aus spätwilhelminischer Zeit und markiert den in Deutschland so zögerlich, dann aber ruckartig erwachten staatlichen Bildungswillen. Darin, aber nur darin, ähnelt es jener Anstalt in der Heidelberger Weststadt, in die ich vor gut 60 Jahren als ehedem so bezeichneter ABC-Schütze in die Klasse A1 einzurücken hatte.

Sie bestand aus Knaben, die Mädchen gingen in den anderen, strikt getrennten Flügel. Den Pausenhof teilte eine hohe Ziegelmauer. Eingezwängt in starre Bankreihen hockten wir da; die Klassenlehrerin, Fräulein Becker, thronte auf ihrem Podest. Einer von uns war der Dicke, einen hatte die Kinderlähmung erwischt, die wenigen Katholiken mussten sich während des Fachs Religion verdünnisieren und galten als Fremdkörper. Jenseits solcher Unterschiede guckten wir für das Klassenfoto alle wohlgescheitelt, verschüchtert, aber sehr germanisch in die Kamera.

Wir hießen Jürgen, Dietmar, Manfred oder Rainer. In die Schule meines Enkels gehen Jelena, Benito, Emil, Defne, Alexander, Yasmin, Matilda, Jussuf, Emma und viele mehr – alle zusammen höchst lebendig und wunderschön anzuschauen. Die Neulinge wurden mit dem Refrain „Ihr seid anders als wir / Na und! / Das macht das Leben bunt“ begrüßt. In der Tat: Vielfalt bildet, Gleichheit macht dumm. Wie viele Kinder die Klasse meines Enkels zählt, konnte ich nicht feststellen, es handelt sich um eine JüL-Gruppe (= jahrgangsübergreifendes Lernen) mit einem Lehrer und einer Erzieherin. Nicht zu Anfang, aber in der vierten Klasse waren wir seinerzeit 56 Kinder mit einem widerlichen Despoten vor der Tafel.

Zur Kreuzberger Schule gehört ein selbstständiger, gut geführter Hort mit Schulgarten, zwei Bienenvölkern, Angeboten auch in den Pausen, die Wände bunt bemalt, der Schulhof als Spielplatz gestaltet. Dagegen hatten wir in der Großen Pause in Fünferreihen im Kreis zu gehen. In der Mitte wachte der aufsichtführende Lehrer, ihm zur Seite einige ältere Knaben, die solche Mitschüler einzufangen hatten, und gerne einfingen, die aus der Reihe tanzten. Sodann wurden die Missetäter dem Rektor zwecks körperlicher Züchtigung überstellt. Der Mann hieß Wilhelm Zipse – klein, Schnurrbart, Brille. Täglich exekutierte er kräftige Hiebe per Stock.

Meinem Enkel geht es wesentlich besser. Die oft bemäkelten, oft zähen Diskussionen um Schulreformen haben sich gelohnt und lohnen sich weiterhin. Unterstützen wir die Berliner Schule, ihre Rektorinnen, Erzieher und Lehrerinnen! Ihre Arbeit trägt entscheidend dazu bei, wie die Gesellschaft von morgen aussehen wird.

Nachsatz: Die meisten meiner westdeutschen Altersgenossen kennen das speziell im Süden noch lange gepflegte Regime staatlich organisierter Gewalt gegen Minderjährige – nicht jedoch die ostdeutschen. In der DDR hatte das Oberste Gericht am 19. Februar 1952 geurteilt, „die körperliche Züchtigung als Mittel der Erziehung muss scharf bekämpft werden“ und diese altdeutsche Erziehungsmethode strikt und wirksam verboten – ein geschichtliches Faktum, das unsere eifrigen SED-, DDR- und Stasi-Forscher und -Jäger mit Bedacht ignorieren.

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