Kolumne

Schweizer Käse

Mit ihrem Volksentscheid gegen die Zuwanderung haben die Schweizer vor allem auch dem Wissenschaftsstandort S. schweren Schaden zugefügt.

Karl-Heinz Karisch
3 Min

Es stinkt barbarisch nach Käsefüßen. Nase zu und durch. Zumindest einmal geht’s im Skiurlaub in ein typisches, mit honigfarbenen Hölzern getäfeltes Restaurant. Käsefondue heißt das Schweizer Nationalgericht, das mit Bergen pappiger Weißbrotwürfel serviert wird. Dass im Fondue angeblich Wein und ein Schuss Kirschwasser enthalten ist, macht die Sache auch nicht bekömmlicher. Die Masse liegt wie ein Stein im Magen. Aber das verzeihe ich den Schweizern, schließlich bieten sie mit ihren Pisten in Saas-Fee oder Arosa Skifahrern mit das Beste, was Europa hat. Auch die Erfinder eines den Husten lindernden Bonbons und des Brühwürfels aus Pflanzeneiweiß stammen aus dem kleinen Land.

Diesen Winter allerdings hat es mich zum Nachbarn Österreich verschlagen. Dort wird auf den Skihütten und Hotels noch aus richtigen Knochen gefertigte Fleischbrühe in die Teller gefüllt. Etwas altmodisch, so ist er der Österreicher. Besser, als nicht mehr ganz bei Trost zu sein. Liebe Eidgenossen, Eure weltweit einmalige direkte Demokratie erfordert vom einzelnen Bürger ein wenig mehr Nachdenken als in anderen Ländern. So einfach wie bei uns, wo die Kanzlerin, einmal gewählt, alles zum Guten richtet (womöglich), habt Ihr es nicht. Mit dem Volksentscheid gegen die weitere Zuwanderung aus EU-Ländern seid ihr der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei gehörig auf den Leim gegangen. Kein modernes Land kann heute ohne Zuwanderung florieren. Wer putzt, kocht, serviert denn in Euren Hotels und Restaurants? Das sind Leute mit sächsischem und diversen osteuropäischen Zungenschlägen. Ohne sie läuft fast nichts in den Urlaubsgebieten.

Als Erklärung für das Votum wurde gesagt, die Schweizer fühlten sich unbehaglich fremd im eigenen Land. Tatsächlich aber zeigte sich ein Phänomen, das es leider auch in Deutschland gibt. Die größte Ausländerfeindlichkeit gibt es nicht dort, wo die meisten Eingewanderten leben, sondern wo es eher wenige gibt.

Der Schaden dieser Engstirnigkeit ist beachtlich. Denn die kleine Schweiz ist nicht nur Tourismusmagnet, sie gehört zu den wissenschaftlich stärksten Ländern der Welt. Die Europäische Organisation für Kernforschung Cern mit ihrem gewaltigen Teilchenbeschleuniger bei Genf soll die letzten Rätsel des Urknalls lösen helfen. Tausende Forscher aus aller Welt arbeiten hier. Die EU verteilt mit ihrem neuen Forschungsprogramm Horizon 2020 demnächst Milliarden. Brüssel hat nun die Verhandlungen mit der Schweiz dazu und zu anderen Programmen ausgesetzt. Ein Verhängnis. Denn die Schweiz profitierte wie kein anderes europäisches Land von EU-Forschungsgeldern – obwohl selbst gar kein vollwertiges Mitglied. Jeder dritte Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule und der Universität in Zürich ist Ausländer.

Bislang belegt die Schweiz in den internationalen Rankings Spitzenplätze in Wissenschaft und Forschung. Das Eidgenössische Departement für Forschung verhandelt derzeit intensiv mit Brüssel. Was tun? Vor dem Absturz in die Mittelmäßigkeit sollten die Schweizer wohl besser informiert werden, ein neues Referendum muss her. Dann komme ich erleichtert im kommenden Winter wieder zum Skifahren. Und ja, einmal Käsefondue gehört einfach dazu.

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