Nach der Rückschau auf Entwicklungen und Fehlentwicklungen, auf das Missverhältnis von Sein und Schein im Jüdischen Museum Berlin (JMB) stellt sich die alte, ewig neue Frage: Was tun? Wie lässt sich der Krise neue Kraft abgewinnen?
Soeben wurde die vakante Stelle des Direktors ausgeschrieben. Wie man am Musikbetrieb Berlins sieht, ist die Stadt weltweit für qualifizierte Bewerber und Bewerberinnen attraktiv. Im Unterschied zu anderen Museen kombiniert das JMB mit der Dauerausstellung, den Sonderausstellungen, der Akademie, den großen Veranstaltungen und dem Kindermuseum, der im Aufbau begriffenen Sammlung und der Bibliothek eine Fülle von Aktivitäten. Die neue Direktorin (der Direktor) kann die Posten für die Programmdirektion und die Leitung der Akademie neu besetzen. Wenn das nichts ist.
So sehr sich die Existenz des JMB aus der furchterregenden Vergangenheit der Hauptstadt Nazideutschlands erklärt, so sehr steht Jüdische Museum Berlin für eine bessere Zukunft. Mit all seinen nichtmusealen Aktivitäten soll es aktuell, widerständig und provokativ bleiben. Solche Programmpunkte führen zur Auseinandersetzung mit heutigen Antisemiten, mit Intoleranz und Hass – sie führen aber auch zu den jüngsten Interventionen des Zentralrats der Juden in Deutschland und der israelischen Regierung gegen einzelne Veranstaltungen.
Prinzipiell bin ich dagegen, dass Politiker und Verbandsvorsitzende in den Betrieb einer Bundesstiftung eingreifen, für die die Freiheit der Wissenschaft, der Meinungen und der Kunst gilt. Aber! Wegen der Vorgeschichte -– wegen der Shoah – ist es eben ein riesenhafter Unterschied, ob die Sudetendeutsche Landsmannschaft oder der Zentralrat der Juden Kritik an einer geschichtspolitischen Aktion äußert, ob sich die ungarische oder die israelische Regierung beschwert. Diese mit keinem Trick wegzudiskutierende Tatsache zwingt alle Beteiligten zu besonderer Umsicht. Das ist so. Das wird so bleiben.
Zum Team des JMB gehören weit mehr als hundert motivierte, gut ausgebildete Leute. Sie sollten den seit einigen Jahren eingerissenen autoritär-unkommunikativen Führungsstil von innen her aufweichen. Sie reden untereinander und halböffentlich darüber, wo sie die Probleme sehen, und es gibt für sie genügend Gründe mit dem wunderbar erfahrenen Christoph Stölzl, der in der Krise als Vertrauensperson eingesetzt wurde, über alle Hemmnisse und Unzulänglichkeiten zu sprechen. In der Ausschreibung für die Direktorenstelle werden bewusst „ausgeprägte Teamfähigkeit“ und ein „kooperativer, integrativer und moderierender Führungsstil“ verlangt. Daran hat es in den vergangenen Jahren sehr gehapert.
Wie sehr, das zeigte sich, als es vor ein paar Wochen wegen eines unbedeutenden Tweets rund um das JMB krachte. Anstatt mannhaft die Verantwortung zu übernehmen, suchten die Herren Direktoren sofort nach einem Sündenbock und fanden ihn in einer dem Leiter der Kommunikationsabteilung unterstellten Person – wie zufällig fiel ihr Blick auf eine Frau, die sie als Sündenbock in die Wüste jagten. Und das in diesem Museum! Zu den zentralen Obsessionen des Antisemitismus gehört bekanntlich die Suche nach dem Sündenbock, der für das eigene Unvermögen, das eigene Versagen herhalten muss.
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