Gedenken am Brandenburger Tor

Russen und Deutsche - eine besondere Beziehung

Berlin und St. Petersburg verbindet mehr, als der Senat erkennt.

Götz Aly
3 Min
Dazu kam es nicht: Das Brandenburger Tor in den Farben Russlands.

Dazu kam es nicht: Das Brandenburger Tor in den Farben Russlands.

© pixabay.com (Montage: BLZ)

Wie die Berliner vergangene Woche erfahren mussten, misst ihre rot-rot-grüne Stadtregierung mit zweierlei Maß: Nach dem Terroranschlag in der Metro von St. Petersburg weigerte sie sich, das Mitgefühl der Berliner Bevölkerung zu demonstrieren und das Brandenburger Tor in den Farben Russlands anzustrahlen. Das war schäbig und wäre, davon bin ich überzeugt, anders entschieden worden, hätte sich das Attentat in New York ereignet. Klaus Lederer, Kultursenator, Bürgermeister und Vorsitzender der Berliner Linken, kommentierte die antirussisch motivierte Nichtbeleuchtung des Brandenburger Tors geschäftsmäßig: „Ich habe das nicht entschieden und entscheide das nicht.“

Nicht konsequent

Noch schäbiger empfand ich die Begründung der Senatssprecherin Claudia Sünder: St. Petersburg sei „kein Ort, zu dem Berlin besondere Beziehungen hat“. Das sei im Fall des Attentats auf den Club in Orlando (USA) ganz anders gewesen (weil schwul-lesbisch), ebenso im Fall des jüngsten Lastwagenattentats in Jerusalem (Holocaust). Wenn der Senat sich schon ins Formalistische flüchtet, was ich nicht täte, dann bitte konsequent: Das Attentat in Jerusalem geschah im israelisch annektierten Teil der Stadt und forderte vier Tote; zudem richtete es sich gegen Soldaten – nicht gegen Zivilisten.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe nichts dagegen, das Brandenburger Tor nach Terrorangriffen künftig nicht mehr zu beleuchten. Die spontan entstandene, achtenswerte Übung kann und sollte mit guten Argumenten beendet werden.

Geschichtsloses Verhalten

Nur finde ich es unerhört und für das geschichtslose Verhalten deutscher Spitzenpolitiker leider typisch, das mit einer windigen Begründung ausgerechnet im Fall von Russland zu tun. Selbstverständlich gibt es besondere Beziehungen zu St. Petersburg (Leningrad). In Berlin war 1941 beschlossen worden, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Der Gesamtplan scheiterte, aber infolge der deutschen Hungerblockade Leningrads starb eine Million Menschen – insbesondere Frauen, Kinder und Alte. In Deutschland wird das beharrlich vergessen.

Glücklicherweise beschränken sich die Beziehungen Berlins zu St. Petersburg nicht darauf. Karl Friedrich Schinkel baute seinerzeit auch in St. Petersburg und wurde dort Ehrenmitglied der Akademie der Schönen Künste und der Akademie der Bildenden Künste. Der später für Berlin ebenfalls prägende Architekt Peter Behrens schuf 1911/12 die Deutsche Botschaft in St. Petersburg. Als preußischer Gesandter wirkte Otto v. Bismarck 1859 bis 1862 dort – und warnte bis ans Lebensende vor einem Krieg gegen Russland. In den Jahrzehnten vor 1914 lebten dauerhaft mehr als 40.000 Deutsche in St. Petersburg, darunter nicht wenige Brandenburger.

Schulen, Vereine, Zeitungen

Sie unterhielten eigene Schulen, Gesangsvereine und Zeitungen; sie stellten schon um 1830 „die entscheidende Mehrzahl der Apotheker und Ärzte“. Die Berliner Firma Siemens-Schuckert errichtete dort 1853 ein großes Elektromotorenwerk (später nach S.M. Kirow benannt); Siemens & Halske baute die Telegrafenverbindungen in den russischen Weiten, und in St. Petersburg vertrat Carl „Fedorowitsch“ von Siemens jahrelang die Interessen des Konzerns. Die wenigen Hinweise auf die besonderen Beziehungen Berlins zu St. Petersburg mögen genügen: Von Berliner Seite gepflegt werden sie leider nicht.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema