Wir sind mehr fürs Herzhafte, verkündete meine Mutter immer resolut. Dieses „Wir“ schloss die Familie ein. Milchreis mit Zimt und Zucker kam deshalb bei ihr nicht auf den Tisch, auch kein Grießpudding. Süßigkeiten waren in meinen jungen Jahren kein Tabu, es gab sie einfach nicht. Den wahren Grund für unser zuckerloses Leben erfuhr ich erst Jahrzehnte später. Meine Mutter hatte sich als Kind Zuckerberge auf ihren Grießpudding gepackt. Eine Überdosis sozusagen. Da es aber kurz nach dem Ersten Weltkrieg gar keinen echten Zucker gab, sondern nur Saccharin, ein Süßstoff, der 500 Mal süßer als Zucker ist, trug sie einen Schock fürs Leben davon, ein Zuckertrauma.
Erst mit Mitte 20 habe ich das Leben ohne Schokolade und Eis aufgegeben – mit bitteren Folgen. Jedes Jahr nehme ein klein wenig zu. Jedes Frühjahr klemmen die Hosen im Bund, die Hemden spannen. Und jedes Mal sag ich dem niedlichen Winterspeck den Kampf an, mit Gemüse, Fisch und Laufen durch Wald und Flur. Aber ich entkomme ihm immer weniger. Früher habe ich im Winter zwei Kilo draufgepackt, jetzt sind es schon drei und die bleiben immer hartnäckiger an mir hängen.
Eine australische Freundin zählt ihre überflüssigen Pfunde immer in cheese blocks, klingt netter und wiegt auch weniger, fünf Pfund sagt sie. Also runter mit dem Käse. Aber wie? Die schicke junge Frau aus der Werbung, mit dem dicken Köter und der Bikinifigur unterm kess zurückgeschlagenen Mantel. Mama mia! Jetzt tanzt sie auch noch lasziv abends im Büro auf den Tischen. Ich kenne gleich mehrere Leute, die mit solchen Schlankheitsdrinks und anderen Methoden kurz abzunehmen, um nach einigen Wochen wieder molliger dazustehen als zuvor.
Ach, wem erzähle ich das? Wissenschaftliche Publikationen zu diesem unerfreulichen Thema muss man übrigens extrem kritisch betrachten. Mit kleinen statistischen Tricks, die nur für Experten zu durchschauen sind, werden da aus winzigen Effekten gewaltige Behauptungen gezimmert. Beispiel: das unbestritten gesunde Olivenöl. Da wurde auf der Grundlage einer eigentlich ordentlichen Studie mit herzkranken Spaniern errechnet, dass durch Mittelmeer-Ernährung samt Olivenöl und Walnüssen das Risiko für Diabetes um 30 Prozent sinkt.
Schluss mit Vitaminen oder Brokkoli-Orgien
Der Berliner Bildungsforscher Gerd Gigerenzer hat sich das genauer angeschaut. Sowohl in der Olivenöl-Gruppe als auch in der ungesünder speisenden Kontrollgruppe erkrankten nur ganz wenige Personen tatsächlich an Diabetes. Rund 7 Prozent bei der Olivenöl-Fraktion und 9 Prozent bei den anderen. Nur wenn man die Erkrankten miteinander vergleicht, kommt man auf den stolzen 30-Prozent-Wert. Absolut gesehen, war es nur eine Risiko-Verminderung von 1,9 Prozent. Auch schön, aber keine Schlagzeile.
Rund eine halbe Million Menschen beteiligen sich an der europäischen Epic-Studie zum Ernährungsverhalten und die dadurch ausgelöste Erkrankungen. Das Ergebnis ist erschütternd: Vitamine oder Brokkoli-Orgien kann man sich schenken. Nur eine schlanke Figur scheint den besten Schutz vor Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bieten. Da Gemüseesser meist weniger auf den Rippen haben als andere , sind sie dadurch klar im Vorteil. Aber ewig lockt die Schokolade. Hätte ich nur weiterhin auf meine Mutter gehört.
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