Nach Verbüßung der Strafe ist auch eine schwere Schuld getilgt. Der Täter bekommt eine neue Chance. Wie lange aber bleibt im Register der Weltgeschichte historische Schuld eingetragen? Darf Deutschland aufhören, über die Ermordung der Juden zu reden? Heute wissen wir, dass die Verfolgung nicht im Geheimen passierte, sondern dass Hinz und Kunz mitgemacht haben. Auf „Judenauktionen“ grapschten sie schamlos nach dem Hab und Gut ihrer jüdischen Nachbarn.
Nach dem Krieg: Stillschweigen. Die Erwachsenen wussten genau, worüber sie nicht reden wollten. Und dann erlebte ich Menschen, die nur mit Mühe sprechen konnten und die sich doch zum Reden zwangen. 50 Jahre ist es her, aber unauslöschlich haben sich mir die Schilderungen der Überlebenden im Schwurgerichtssaal in Frankfurt am Main eingebrannt. Etliche Eltern waren dagegen, aber unser Sozialkundelehrer fuhr mit seiner Klasse zum Auschwitzprozess. Fast zwei Jahrzehnte nach dem Massenmord standen endlich 22 ehemalige Bewacher des Vernichtungslagers vor Gericht.
Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte dieses Verfahren gegen enorme Widerstände durchgesetzt. Wie werden normale Menschen zu monströsen Tätern? Unser Klassenausflug nach Frankfurt gab mir keine Antwort darauf. Im Gegenteil. Bis heute fröstelt es mich bei der Kälte der Angeklagten und der höhnischen Anwälte, wie sie mit schneidender Stimme die Zeugen befragten, Menschen, die Auschwitz knapp überlebt hatten und in jeder Minute dieses Prozesses um die Kraft zum Weiterleben rangen.
Wende zum Nachdenken
Warum tut der Richter nichts? fragten wir entsetzt. Schließlich brach ein Zeuge mit einem Weinkrampf zusammen. Der Prozess wurde unterbrochen. Noch heute spüre ich mein Entsetzen über das Grinsen und Gelächter, das die Zeugen in der Pause traf. „Der Antisemitismus ist ... die Selbstermächtigung von Menschen, ihre Macht in Freiheit vom gemeinen Witz bis zum organisierten Mord auf Juden zu richten und auszuleben“, sagte Jan Philipp Reemtsma in der Frankfurter Paulskirche zum 75. Jahrestag der Pogromnacht. Es war genau dieser Geist, der auch damals den Gerichtssaal in Frankfurt bestimmte.
Umso beeindruckender war der Auftritt von Friedrich Karl Kaul. Der Juraprofessor aus Ost-Berlin vertrat die in der DDR lebenden Opfer. Ein kleiner rundlicher Mann. Mit seiner knarrenden Stimme forderte er das Gericht auf, solche entwürdigenden Auftritte der Verteidiger nicht länger zuzulassen. Kaul, Kommunist und Jude, hatte in Berlin Jura studiert. 1935 verschleppte ihn die Gestapo ins KZ Lichtenburg und später nach Dachau. Dank seines Doktorvaters konnte Kaul nach Südamerika flüchten. Nach dem Krieg wollte er ein neues Deutschland aufbauen, ein besseres. Aber auch in der DDR saßen Menschen, die mitgemacht hatten.
Der Frankfurter Auschwitzprozess beendete das Verdrängen des staatlich organisierten Massenmordes, er leitete eine Wende zum Nachdenken ein. Bis heute. Auswärtiges Amt, Max-Planck-Gesellschaft und viele andere haben ihre verhängnisvolle Geschichte während der Nazi-Diktatur aufgeschrieben. Zugleich aber nimmt der Antisemitismus wieder zu. Die Vergangenheit können wir nicht verändern. Die Gegenwart schon.
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