Kolumne zu rechtem Gedankengut

Das Paradies ertragen

Deutsche und Briten vertragen sich beim Kneipenquiz, und ein Ex-NPD-Funktionär macht auf tolerant. Beobachtungen auf Mallorca.

Karl-Heinz Karisch
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Karl-Heinz Karisch

Karl-Heinz Karisch

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Kneipenquiz ist was für Briten. Nicht ganz meine Sache und entsprechend lausig bin ich dabei. Das stört aber niemanden in meinem kleinen Pub fern der Heimat auf Mallorca. Briten sind gesellige und tolerante Menschen. In der Regel. Hier auf der deutschesten aller spanischen Inseln teilen wir mit ihnen die Sonne und die weiten Sandstrände und abends eben auch das Quiz. Vor einigen Jahren soll es noch erbitterte Handtuchkriege gegeben haben. Hier in meinem Fischerdorf sind sie definitiv vorbei.

Es gibt ausreichend Liegen. Und in den Restaurants und Kneipen ist ein buntes Völkergemisch dabei, die Gäste zu betreuen. Viele Briten und Deutsche kamen als Urlauber und blieben hängen. Das Klima, die schöne Landschaft und die freundlichen Mallorquiner haben es ihnen leicht gemacht. Die Zeiten, als römische Eroberer von nackten Inselbewohnern mit einem gewaltigen Steinhagel empfangen wurden, sind seit 2000 Jahren Geschichte.

„Wenn Du das Paradies ertragen kannst, dann komm nach Mallorca“, hatte die US-Schriftstellerin Gertrude Stein zu ihrem britischen Kollegen Robert Graves einst gesagt. Dass sich Ex-NPD-Chef Holger Apfel ausgerechnet von einer jüdischen Autorin dazu hat inspirieren lassen, ein Restaurant am Strand von El Arenal aufzumachen, ist eher unwahrscheinlich. Der Mann, der mal stolz darauf war, ein Verfassungsfeind zu sein, macht hier einen auf tolerant. Und auf witzig: Als Logo hat er einen Apfel mit lustigem Wurm gewählt. Ob er sich wie Saulus zum Paulus gewandelt hat? Schön wär’s. Vielleicht tun es ihm die braunen Genossen in der Heimat nach.

Auch Angela Merkel könnte darüber sinnieren, wie schändlich es ist, in die ausgelatschten Schuhe ihres Parteifreundes Roland Koch zu schlüpfen. Kurz vor der Europawahl ging sie am rechten Rand auf Wählerfang, weil unsere Sozialkassen angeblich von Zuwanderern missbraucht würden. Doch sie weiß: Ohne Zuwanderung wäre Deutschland längst nicht mehr lebensfähig. Da zündelt eine und hofft, dass es nicht brennt. Die wirklichen Sozialschmarotzer leben als ehrbare Bürger mitten unter uns. Statt vom vielen Geld ein bisschen was für das Gemeinwohl abzugeben, bunkern sie es lieber in der Schweiz. Die Behörden melden gerade Rekordzahlen bei den Selbstanzeigen zu Steuerhinterziehungen. Reuige Sünder? Nee, es ist die pure Panik, entdeckt zu werden und künftig nicht mehr so billig mit einer Geldstrafe davonzukommen. Das treibt sie mächtig an und um. Gut so.

Nicht gut: die wachsende Begeisterung für rechtes Gedankengut in halb Europa. Als Kind habe ich noch in den Trümmerbergen des Zweiten Weltkriegs gespielt, scheu die verkrüppelten Kriegsinvaliden gemustert. Haben wir nichts gelernt? Reisen? Früher echt kompliziert. Stundenlanges Warten an den Grenzen, willkürliche Zöllner. Die Angst, mit ein paar mehr Zigaretten oder Wein erwischt zu werden. Geldwechseln, ein Alptraum. Noch Mitte der 80er-Jahre stand ich in Süditalien vor der einzigen Bank weit und breit, aber die wechselten nur donnerstags D-Mark in Lire. Unfassbar. Kürzlich habe ich am Flughafen nur meinen Ausweis gezückt, bin ohne Kontrolle auf Mallorca eingereist. Wenn ich Geld brauche, hole ich es mir am Automaten. Ich bin ein glücklicher Europäer. Moltes gràcies!

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