Kolumne zum Front National

Schmutzige Wäsche

Béziers ist eine beschauliche Stadt in Südfrankreich. Seit ein paar Monaten regiert dort ein Bürgermeister des Front National und ist kräftig dabei, die Stadtpolitik zu verändern.

Martina Meister
3 Min
Der Front National ist als stärkste Partei Frankreichs aus den Europawahlen hervorgegangen. Jeder Vierte hat rechtsextrem gewählt.

Der Front National ist als stärkste Partei Frankreichs aus den Europawahlen hervorgegangen. Jeder Vierte hat rechtsextrem gewählt.

© imago/PanoramiC Lizenz

Kennen Sie Béziers? Béziers ist eine bessere Stadt. Sie liegt im Süden Frankreichs. Sie hat die Farben italienischer Städte und einen Bürgermeister, der sie noch schöner machen will. Seit Robert Ménard vor knapp zwei Monaten mit der Unterstützung des Front National ins Rathaus gewählt wurde, kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie Frankreich eines Tages aussieht, wenn es vom FN regiert wird. Meine Büronachbarin sagt, ich übertreibe. Mein Sohn sagt, dann wandere er aus.

Leider waren die Prognosen der Meinungsforschungsinstitute nicht übertrieben: Der Front National ist als stärkste Partei Frankreichs aus den Europawahlen hervorgegangen. Jeder Vierte hat rechtsextrem gewählt. Die Medien taten überrascht und sprachen von Erdbeben, Explosion und Flächenbrand, als habe man nichts ahnen können. Derweil verkündete Jean-Marie Le Pen sein Rezept gegen die Bevölkerungsexplosion in Afrika: „Durchlaucht Ebola kann das in drei Monaten regeln.“ Die Sympathisanten Le Pens finden das geistreich.

Aber zurück in die schöne Stadt Béziers, wo jetzt Recht und Ordnung und gesteigerte Fremdenfeindlichkeit herrschen. Es darf beispielsweise draußen keine Wäsche mehr getrocknet werden: „Mit Erlass vom 19. Mai 2014 hat die Stadtverwaltung folgendes beschlossen: Es ist verboten, die Wäsche auf Balkonen, an Fenstern und Fassaden aufzuhängen, die öffentlich einsehbar sind.“

Krieg der Kulturen

Die Wäscheleinen vor den Fenstern, die über kleine Gassen gehen, die Hosen und Hemden, die Dessous zwischen Socken und Geschirrtüchern, damit ist jetzt Schluss. Für uns sind sie der Inbegriff des Südens, für Béziers ein Schandfleck, der an Zigeuner erinnert und Einwanderer. Zwischen 22 Uhr abends und sechs Uhr morgens wird allerdings eine Ausnahme gemacht. Das ist ungefähr die Zeit, wenn sowieso Sperrstunde herrscht, couvre feu. Das klingt, als herrsche Krieg in Béziers, aber es ist nur ein Krieg der Kulturen. Kurz zuvor hatte die Stadtverwaltung nämlich beschlossen, dass sich Jugendliche unter 13 Jahren zwischen 23 Uhr und sechs Uhr morgens nicht mehr allein auf der Straße herumtreiben dürfen. Die Polizei soll sie ins Bett bringen.

In anderen Städten, die vom Front National regiert werden, sind die neuen Bürgermeister auch nicht tatenlos geblieben. In Fréjus im Norden hat David Rachline als erstes die Europafahne vom Rathaus geholt; Subventionen für Bürgerrechtsinitiativen sind gestrichen und Bauprojekte von Moscheen gestoppt worden. Genauso so steht es übrigens im „Kleinen praktischen Führer für Abgeordnete des FN“. Ein Blick darin lässt ahnen, wie sich die 24 Abgeordneten des FN im Europäischen Parlament verhalten werden: Es wird gegen die Projekte der Stadt gestimmt und zwar ausnahmslos einstimmig. Von dieser „absoluten Regel“ dürfe niemand abweichen.

Marine Le Pen will jeden verklagen, der den FN eine rechtsextreme Partei nennt. Sie wird viel zu tun haben. Einmal habe ich sie im Wahlkampf begleitet. Es war auf dem Großmarkt von Rungis. Die Arbeiter rissen sich darum, mit der Chefin des FN fotografiert zu werden. Auch Monsieur Sanogo von der Elfenbeinküste war darunter. Ihre letzte Autogrammkarte ging an ihn. „Für einen tapferen Arbeiter“, schrieb sie. „Herzlich, Marine“.

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