Kolumne zur Kinderstatistik

Verräter an der Nachwuchsfront

Kinder kriegen? Lieber später. Die Gründung einer Familie, sagt das Statistische Bundesamt, wird immer weiter nach hinten verschoben. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht bloß Frauensache.

BLZ
3 Min
Bascha Mika, Publizistin.

Bascha Mika, Publizistin.

© Blz Lizenz

Der Countdown läuft ab dreißig. Bis dahin sind junge Frauen meist ziemlich entspannt. Gehen viel aus, gucken sich mal den einen Mann an, mal den anderen, nein, der nicht und vielleicht...ach nee, lieber doch nicht...hab ja noch Zeit... Die Jugend wird verlängert, so lange es geht, doch wenn der 30. Geburtstag droht, wird aus Party erstaunlich schnell Panik. Es ist einer dieser verfluchten symbolischen Tage, als würde da jemand den Schalter umlegen: Oh Gott, jetzt werde ich alt! Wie lange kann ich noch schwanger werden? Mit dreißig wollte ich doch schon ein Kind haben, und jetzt habe ich noch nicht mal 'ne feste Beziehung...

Und dann kommt ausgerechnet das Statistische Bundesamt und bestätigt die teuflischen Dreißig. Denn eine Frau, die dann noch kein Kind hat, wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich nur eines bekommen – oder eben auch keines. Sagen die Statistiker. Wer heute als Mutter zwei Kinder hat, wurde im Schnitt mit 27 Jahren zum ersten Mal schwanger; wer drei oder mehr hat, war noch keine 25, als es mit der Familiengründung losging.

Der Schrumpfkurs setzt sich fort

Für alle, die seit langem das große Aussterben beschreien, hat das Bundesamt mit seinem kürzlich vorgelegten Report zu „Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland“ nichts Lustiges zu bieten. Zusammengefasst lautet die Botschaft der Zahlen-Behörde: Der Schrumpfkurs setzt sich fort. Die Gründung einer Familie wird immer weiter nach hinten geschoben. Vor vierzig Jahren bekam eine Frau mit 24 ihr erstes Kind, 2012 war sie im Schnitt fünf Jahre älter. Inzwischen hat jede fünfte zwischen 40 und 44 Jahren keinen Nachwuchs mehr. Deutschland bleibt weltweit eines der Länder mit den wenigsten Neuankömmlingen.

Warum das so ist? Ist doch klar. Weil niemand es anders haben will. Weder die Politik noch die Wirtschaft und die potenziellen Väter schon gar nicht. Sie alle haben sich miteinander verschworen. Und verweigern den Frauen die Kinder. Quaken von fehlenden Beitragszahlern und mangelnden Arbeitskräften und in der Praxis ändern sie nichts. Verräter an der Nachwuchsfront! Denn die allermeisten Frauen wollen ja gern Mutter werden – nur nicht um jeden Preis. Und der wird seit Jahren in die Höhe getrieben.

Da ist die Politik, die groß tönt, aber jede Frau weiß: Wenn du plötzlich als Alleinerziehende da stehst, hilft dir keine Sau. Da sind die Unternehmen, die Mütter abqualifizieren: die Schwangeren, die Doppelbelasteten, die Wiedereinsteigerinnen, die Teilzeitbeschäftigten. Und da sind die Männer, die nur widerwillig Vater werden, höchstens zwei Monate Elternzeit nehmen, sich noch ein paar Stunden im Büro mehr draufpacken, sobald der erste Nachwuchs da ist, und grundsätzlich so tun, als wäre die Familie so gar nicht ihr Job.

Und da soll frau Mutter werden? Das Problem ist doch nicht, dass mit dreißig noch kein Kind in Sicht ist. Schließlich hat sich auch die Fruchtbarkeitsphase um einige Jahre verlängert. Das Problem ist, dass erwachsene Frauen sehr genau überlegen, was so ein Kind bedeutet. Wie wär’s also mal mit vertrauensbildenden Maßnahmen? Von der Politik, der Wirtschaft, den Vätern. Hey, Mädels, wenn ihr was für uns tut, tun wir auch was für Euch! Ihr schafft die künftigen Beitragszahler heran und wir ...

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema