Aus der Ferne klingt ein Lied. So begannen früher Schlager. Gesungen wurden sie in UFA-Filmen. Gesichter in Großaufnahme, der Blick reicht weit über den Horizont, eine Träne rinnt die Wange hinab: Aus der Ferne klingt ein Lied. Aber plötzlich tauchen in München Gemälde auf. Als wären sie Pakete aus vergessener Zeit. Von Picasso, Matisse, Beckmann. Eine ganze Wohnung voll oder wenigstens ein Raum in einer Wohnung, die dem Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt gehört.
Vater Gurlitt war in der Weimarer Republik ein fortschrittlicher Museumsdirektor, der sich für die Moderne einsetzte und von den Nationalsozialisten aus dem Amt gejagt wurde. Später, als die Machthaber moderne Kunst als entartet klassifizierten und einzogen, hat er ihnen als Dealer gedient.
Er verkaufte die verfemte Kunst entweder ins Ausland oder unter der Hand an Privatsammler. So konnte die Sammlung der Familie Sprengel in Hannover ihren Grundstock erweitern. Was bis 1939 nicht verkauft werden konnte, soll auf dem Hof der Alten Feuerwache in Berlin im März des Jahres verbrannt worden sein. Über tausend Gemälde, fast viertausend Grafiken, darunter Werke von Otto Dix und George Grosz. Ein Denkmal erinnert daran, ist aber schwer zu finden. Ob das Autodafé tatsächlich stattgefunden hat, gilt als unsicher.
Die Rolle von Kunsthändlern wie Gurlitt war zwielichtig. Auf der einen Seite hat er einige Kunstwerke vor dem Furor der Nationalsozialisten gerettet, auf der anderen Seite hat er und später sein Sohn daran verdient, offensichtlich auch über das Dritte Reich hinaus. Die Bilder und Skulpturen kamen entweder aus öffentlichen oder privaten Sammlungen und wurden eingezogen oder enteignet. Vor allem jüdische Sammler und Kunsthändler wurden um ihren Besitz gebracht. Die Verwertung von geraubter Kunst, die sich später in den besetzten Ländern fortsetzen sollte, stellt eine Art Ouvertüre dar für die Verwertung des gesamten jüdischen Eigentums. Es wurde gesammelt, klassifiziert und dann zu Geld gemacht.
Von Berlin nach Auschwitz sind es nur fünf Stunden mit dem Auto, eine direkte Zugverbindung gibt es nicht. Dort sind Dokumente ausgestellt, die zeigen, wie weit die Verwertungslogik reichte. Für Mäntel, Anzüge und Kleider fanden sich Abnehmer im Reich. Uhren und Schmuckstücke wurde zentral in der Nähe von Berlin gesammelt. An den Haaren der Opfer war eine Weberei in Süddeutschland interessiert. Die Menschen waren ein Rohstoff, der bis auf das nackte Leben ausgebeutet wurde und erst dann vernichtet.
Zurück blieben in den Städten und auf den Dörfern das Hab und Gut der Deportierten. Es wurde an die Einheimischen versteigert, und wenn man den Berichten Glauben schenken darf, war das Interesse an einem Schnäppchen groß. Handtücher und Bettwäsche, Porzellan und Teppiche der jüdischen Nachbarn gingen in Hände mit Ariernachweis über. Wer einen Stein auf Cornelius Gurlitt, den Sohn des Kunsthändlers, werfen will, sollte vorher in die eigenen Schränke schauen und sich fragen, woher die Erbstücke kommen. Das Geschirr der Großmutter, die Uhr vom Urgroßvater, das Familiensilber und der Sekretär, den die Großtante vererbt hat. Aus der Ferne klingt ein Lied.
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