Kommentar

Das gute Schulz-Gefühl und die Stunde der Sühne

Politischen Inszenierungen sollte man misstrauen - es spielt die Musik des Zufalls.

Harry Nutt
4 Min
Martin Schulz ist neuer SPD-Vorsitzender.

Martin Schulz ist neuer SPD-Vorsitzender.

© dpa

Schulterzucken, genervter Blick – Angela Merkels sparsame Regungen während des ersten Staatsbesuches bei US-Präsident Donald Trump gingen am vergangenen Wochenende als großes diplomatisches Theater um die Welt. Verlegenheitsgesten als angemessene Reaktion. Die Rüpelhaftigkeit ihres Gegenübers richtet sich, so die allgemeine Hoffnung, am Ende doch selbst. Und was diesem bei seinen Anhängern als Ausdruck der Souveränität und Stärke angerechnet werden mag, ist für die meisten, auf deren Erziehung ein wenig Mühe verwandt worden ist, doch vor allem eine grobe Verletzung des gebotenen Anstands. Die internationale Presse war von der Merkel'schen Minimalästhetik begeistert.

Man kann es aber auch ganz anders sehen. Ihre Engelsgeduld mit den politischen Rambos von Istanbul bis Washington, die heulen und jammern, um ein paar Aufmerksamkeitspunkte für ihre Machtinteressen zu ergattern, wird ihr nicht selten auch als Willfährigkeit ausgelegt.

Ausdruck von Amtsmüdigkeit?

Wer will, kann in der Art und Weise, wie sie da bei Trump in den Sessel gedrückt saß, einen Ausdruck von Amtsmüdigkeit erkennen. Muss ich mir diese Flegelei wirklich antun?, mag sie sich seit einigen Wochen fragen. Die Vielfalt der politischen Machtoptionen, die Merkel eben noch offenzustehen schienen, ist geschrumpft. Die Angst geht um im Konrad-Adenauer-Haus. Wäre es nicht an der Zeit, endlich die Wahlkämpferin in sich zu entdecken?

Die große Kunst des Stillhaltens, die sie trotz aller stilkritischen Begutachtungen, die die Grenze zur Despektierlichkeit in den vergangenen Jahren oft überschritten, als eine Meisterin der politischen Diplomatie erscheinen ließen, wirkt nunmehr  verbraucht. „Aufwachen“ rufen ihr die verbliebenen Parteifreunde zu und bilanzieren ihren Mangel an Kampfgeist. Die Partei ruft nicht mehr „Angie, Angie“ – die Kanzlerin zieht hier nicht mehr.

Parodie auf die sozialistische Staatsdemokratie

Das liegt natürlich auch an St. Martin. Es fühlt sich an wie eine Parodie auf die sozialistische Staatsdemokratie, dass die SPD ihren neuen Vorsitzenden Martin Schulz am Sonntag mit einem 100-Prozent-Ergebnis ausgestattet hat. Hätte da nicht wenigstens einer Meinungsvielfalt simulieren können? Zur sozialdemokratischen Tradition gehört doch auch der Störenfried, der sich nicht in den Einheitszwang einordnen will und kann.

Aber mit ihrem neu erwachten Schulz-Gefühl geht die SPD aufs Ganze. Ein Erweckungserlebnis, das umso erstaunlicher ist, weil Martin Schulz während seiner Brüsseler Mission doch nicht gerade als verkanntes sozialdemokratisches Talent sein Licht unter den Scheffel zu stellen gezwungen war. „Jetzt ist Schulz“ steht auf den Transparenten, hochgehalten von einer SPD, die überall Machtchancen sieht, auf die sie lange nicht zu hoffen wagte.

Schulz ist das gute Gefühl

Das Dilemma des engagierten Sozialdemokraten bestand zuletzt ja darin, dass jeder politische Erfolg, den die Traditionspartei im Namen der sozialen Gerechtigkeit für sich reklamieren zu können glaubte, in der Öffentlichkeit am Ende nicht verfing. Jetzt ist Schulz, und Schulz ist das gute Gefühl, dass sich die Verklumpungen in der sozialdemokratischen Seele auf wundersame Weise verflüchtigt haben.

Im Willy-Brandt-Haus ist man nun bemüht, der Gunst der Stunde Dauer abzuringen. 100 Prozent sind in dieser Anordnung eine Art euphorische Übererfüllung des Solls – wir sind wieder wer. Wer genau dieses „wer“ ist, muss offen bleiben. Denn es ist ja der blinde Fleck jeder Form von Stimmungspolitik, dass sich die aufgehende Blüte der politischen Günstlinge des Augenblicks mit rationaler Arithmetik kaum erklären lässt. Übrigens auch nicht mit dem Verdacht, dass all die sonderbaren Konjunkturen, die der politische Alltag hervorbringt, das Produkt bis ins Kleinste kalkulierter Inszenierungen ist.

Die Musik des Zufalls

Natürlich gibt es Agenturen, die im Auftrag der SPD genau überlegt haben dürften, wer zu welchem Zeitpunkt von rechts nach links über die Bühne geht und auf welcher Bodenmarkierung der Schulz dabei zu stehen hat. Aber die Macht der Steuerung ist begrenzt. In der Politik erklingt noch immer die Musik des Zufalls, und das gilt nicht nur für die SPD, sondern ganz besonders für jene, die mit ihrer emotionalen Feuerwerkerei derzeit die Säulen der demokratischen Institutionen zu erschüttern versuchen.

Der Populismus ist nicht ihre Erfindung, sie haben in der Requisite bloß ein paar neue Kleider gefunden. Auch wenn sie das so nicht zugeben mögen, sitzt dem guten Schulz-Gefühl der Sozialdemokraten doch auch noch immer die Sorge im Nacken, dass die Stunde der Sühne noch aussteht. Mit dem Merkel-Gefühl verhält es sich genau umgekehrt.

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