Kommentar des Tages

Dank Siemens könnte das nächste Silicon-Valley entstehen

Jörg Hunke
4 Min
Auf der Zielgeraden: Berlin-Chef Michael Müller und Siemens-Lenker Joe Kaeser.

Auf der Zielgeraden: Berlin-Chef Michael Müller und Siemens-Lenker Joe Kaeser.

© Paul Zinken/picture alliance/dpa

Die Sehnsucht war groß nach einem Start-up, das den Tech-Giganten wie Google, Facebook oder Microsoft zeigt, was das alte Europa wirklich kann. So viele junge Menschen in Berlin, so viele Ideen – aber der große Kracher entstand in den vergangenen Jahren nicht in der Hauptstadt. Stattdessen wurden die Innovationen aus dem Silicon Valley bewundert. Die Gründer aus Berlin hatten eher mittelmäßigen Erfolg. In Erinnerung geblieben ist eigentlich nur die Musik-Plattform Soundcloud, die aber inzwischen auch eher aus den USA gesteuert wird.

Das Siemens-Projekt in Spandau und das Versprechen dort bis zum Jahr 2030 einen Technologiepark und Brutkasten für neue Ideen zu entwickeln, machen Hoffnung. Das ist keine Notlösung oder ein waghalsiger Versuch, den Trends hinterherzulaufen, sondern die logische Folge der rasanten Digitalisierung. Was in absehbarer Zukunft wichtig sein wird, ist die Industrialisierung 4.0. Damit ist gemeint: Maschinen und Maschinen zusammenzubringen.

Reine Spekulation

Zur Erinnerung: Das Silicon Valley war gut darin, den Menschen die Computer und ihre Vorzüge verständlich zu machen. So sind die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter entstanden, so wurde Google mit seiner Suchmaschine zu einem Weltkonzern. Doch die großen Innovationen aus den USA sind in diesem Bereich lange her, Google gibt es seit 20 Jahren, Facebook ist 14 Jahre alt.

Was die absehbare Zukunft bestimmen wird, ist die enge Verzahnung der Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik, dazu kommt Biotechnologie. In der vierten Phase der Industrialisierung, in der die Menschheit sich jetzt befindet, geht es darum, Roboter und Künstliche Intelligenz in die Arbeitsprozesse einzubinden. Rechner werden immer schneller, Datenspeicher immer größer – die Möglichkeiten der Nutzung sind nahezu unbegrenzt. Schon jetzt übernimmt das Smartphone viele unserer Aufgaben, leitet uns problemlos durch die Städte und hilft mit seinen Übersetzungsprogrammen. Zukunftsgerichtete Unternehmen setzen auf Augmented oder Virtual Reality, um die Mitarbeiter zu schulen. Wohin diese Revolution, von der bisher nur Ansätze in der Arbeitswelt und im Alltag zu spüren sind, führen wird, weiß kein Mensch. Zukunftsforscher rechnen mit 50 turbulenten Jahren. Aber das ist nur Spekulation.

Das beste aus dem, was schon da ist

In der Vergangenheit haben deutsche Ingenieure in Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung nicht nur bei Siemens bewiesen, dass sie wissen, wie man Maschinen zu Höchstleistungen bringen kann, wenn man auf Innovationen setzt. So wurde das Land zum Export-Weltmeister. Diese Kenntnisse werden in den nächsten Jahren wieder stärker gefragt sein. Das Selbstbewusstsein von Siemens-Chefs Joe Kaeser, der sagte, dass es in Deutschland, gerade in Berlin, schon Gründungen gab, als im Silicon Valley noch keine Garagen gebaut wurden, ist nicht unbegründet.

 Die Unternehmen aus dem Silicon Valley waren mit dem Versprechen angetreten, die Welt zu einer besseren zu machen. Herausgekommen sind neben einigen Annehmlichkeiten auch Steuer-Prozesse, Datenskandale und der Plattform-Kapitalismus. Unternehmen wie der Fahrdienstleister Uber bieten Arbeitsmöglichkeiten mit wenig Rechten und viel Selbstausbeutung. Eine bessere Welt stellt man sich eigentlich anders vor. Der Siemens-Chef hat bei der Vorstellung des Projekts die Multimilliardäre aus der Tech-Branche in den USA als Menschen ohne Sinn für soziale Gerechtigkeit beschrieben. Als Beispiel nannte er die Wohnungspreise. Amazon hat sich vor ein paar Wochen in Seattle geweigert, den städtischen Wohnungsbau finanziell zu unterstützen. Google konnte in Kreuzberg die Nachbarn nicht überzeugen. Siemens will in Spandau einen Campus schaffen, auf dem auch Wohnungen gebaut werden, 30 Prozent sollen Sozialwohnungen werden. Das klingt nach sozialer Marktwirtschaft.

Noch sind das Versprechen. Wenn sie eingelöst werden sollten, hätte Berlin eine pragmatische Lösung gefunden: Wenn wir uns schon nicht neu erfinden können, dann machen wir das Beste aus dem, was wir haben.

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