Kommentar des Tages

Der Wedding wird wieder was!

Regine Sylvester
3 Min
Die Müllerstraße im Wedding ist aktiv - für Flaneure wäre sie zu schnell, für Faulpelze zu auffällig. 

Die Müllerstraße im Wedding ist aktiv - für Flaneure wäre sie zu schnell, für Faulpelze zu auffällig. 

© imago/Jürgen Ritter

Vor Mitternacht gehe ich an meiner ehemaligen Lieblingssparkasse am Hackeschen Markt vorbei. Da bedienten mal freundliche Mitarbeiter. Seit ein paar Monaten wurde der Schalterverkehr eingestellt, meine Sparkasse heißt jetzt SB-Center. Automatenverkehr. Weil ich meine Geldangelegenheiten fast nur online erledige, könnte die Schließung auch mit mir zusammenhängen.

Aber drinnen ist Leben. Obdachlose liegen auf dem Fußboden neben den Geldautomaten. Einer sitzt im Rollstuhl. Sie schlafen im hellen Warmen. Sparkassenkunden sind keine da. Die kommen um diese Stunde sowieso selten. Es wäre aber auch ein irritierendes Gefühl, direkt neben der Armut Bargeld zu ziehen. Gibt man was ab? Allen?

Wenn etwas geschlossen wird, verwandelt sich mehr als nur der genaue Ort. Es ist das Raumgefühl, an das man sich wie an neue Wege gewöhnen muss. Und was kommt danach? Geschäfte in Mitte wechseln schnell den Besitzer, Handwerker trugen eben noch Leitern hinein, und dann hängt da schon wieder ein Schild: „Räumungsverkauf!“ Ich suche Haltbares und finde Vorläufiges.

1996 stand in der Berliner Zeitung, die Müllerstraße sei „der Kudamm des Wedding".

1996 stand in der Berliner Zeitung, die Müllerstraße sei „der Kudamm des Wedding".

© imago/Jürgen Ritter

Wie lebt der Handel, wenn er nicht eine Kette ist? Was gilt in einem bestimmten Kiez als Geschäftsidee? Die nördliche Müllerstraße, etwa ab U-Bahnhof Wedding, erscheint mir als riskante Teststrecke. 1996 stand in der Berliner Zeitung, die Müllerstraße sei „der Kudamm des Wedding ... eine pulsierende Geschäftsstraße mit einem Hauch von Eleganz“. Fünfzehn Jahre später schrieb die B.Z.: „Spielcasinos, Ramschläden und Imbissbuden. Die Müllerstraße im Wedding verkommt zur Billigmeile.“ Aber immer wohnen da Leute.

Man sieht viele Hochzeitsläden. Ich glaube, dass die sich halten werden: Der Anteil türkischer und deutsch-türkischer Bewohner ist in dieser Gegend relativ hoch. Türkische Eltern geben für die Hochzeiten ihrer Kinder traditionell viel Geld aus, das habe ich gehört. Die Brautkleider in den Schaufenstern, funkelnde Mieder, Schichten aus Tüll und Spitzen, werden nicht ins Blaue hinein genäht worden sein. Ein Friseur liegt neben dem anderen – auch das leuchtet bei den auf ihr Aussehen bedachten jungen Männern ein: Sie tragen ja fast alle rasierte Muster in kurzen Haaren, so etwas muss oft nachgearbeitet werden.

Für Flaneure zu schnell, für Faulpelze zu auffällig

Verstaubte Schaufenster erzählen vom Scheitern früherer Geschäftsideen. Weil die Mieten niedrig sind, richten sich auch Künstler in leeren Läden ein. Können die Handy-Läden Gewinn bringen, die sich hier wie auf einer Perlenkette nachbarlich begegnen? Die Läden mit buntem Krimskrams sind so voll, als hätten ihre Besitzer die Ware mit Gewalt reingeschoben – funktioniert das oder haben ihre Kunden schon genug davon? In Imbiss-Läden wenden die Köche das Fleisch in großen Pfannen, sie stellen etwas her, was sich nicht lange hält. Unsicherheit kann lähmen.

Aber die Müllerstraße ist aktiv, für Flaneure wäre sie zu schnell, für Faulpelze zu auffällig. Die Bewegung kommt durch Hilfe und in Gruppen. Freunde reparieren einem Schwager die Leuchtschrift über der Tür, tätowierte Enkel gehen mit der Großmutter einkaufen, sechs zierliche Vietnamesinnen schleppen zusammen einen großen Tisch. Vielleicht haben alle die stille Übereinkunft, dass der Wedding wieder was wird.

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