Ein Regierender Bürgermeister von der Linken? Klaus Lederer, Markenzeichen Doppelpiercing am linken Ohr und existenzialistisch-schwarze Klamotten, anstelle des Oberamtmanns Michael Müller im stolzen Büro des Roten Rathauses? Nicht ausgeschlossen, wie die jüngste Forsa-Umfrage im Auftrag der Berliner Zeitung zeigt. Da liegt die Linke mit 20 Prozent vor der SPD.
Vorbei sind die Zeiten, da eine solche Konstellation irgendwen aufregen würde. Keiner denkt mehr an SED/PDS und den alten Osten, wenn Linken-Politiker wie der Pankower Bezirksbürgermeister Sören Benn oder Sozialsenatorin Elke Breitenbach auftreten. Das alte Milieu ist am Versinken.
In den 1990ern spielte die Partei wacker die Rolle des Interessenvertreters der heimatlos gewordenen DDR-Freunde, half den Nostalgikern beim halbwegs geordneten Hineinfinden in die deutsche Einheit. Für Berlin kann man sagen: Diese historische Mission ist erfüllt. Protestpartei passé.
Die Linke kommt frisch daher
Diese Rolle hat nun die AfD übernommen, wie deren Wahlergebnisse in den einstigen PDS/Linke-Hochburgen in den Ost-Berliner Plattenbauvierteln belegen. In Marzahn-Hellersdorf erlangte die rassistisch-völkisch gestimmte, aufs vermeintlich bessere Gestern fixierte Partei bei der Bundestagswahl mit 21,6 Prozent der Stimmen Platz zwei hinter der Linken, die dort schwere Verluste erlitt. Dafür gewann die Linke im Westen hinzu.
Einige Gründe für diese neue Stärke liegen bei den ehemals großen Parteien: SPD wie CDU sind ausgelutscht, zerstritten, wirken selbstbezogen und desinteressiert an den realen Problemen der Stadt. Da kommt die Linke vergleichsweise frisch daher. Sie hat sich mit neuem Personal geradezu erstaunlich verändert, ist zur modernen Großstadtpartei geworden und taugt interessanterweise zum Identifikationsvehikel für Hedonisten und Besser-Menschen aller Art.
Die Linke schließt alle in ihre Arme: ob freie Kulturszene, Nachfahren und Freunde von Vater Zille oder Musikschulen, ob Genderfans, Schwule, Lesben oder Veganer, ob Flüchtlingshelfer oder Gentrifizierungsfeinde – für alle ist was im Angebot.
Wohlgefühl anstatt Schmerzen
Vor allem: Bei den Linken gibt es Kapitalismuskritik in einer Dosis, die keine Schmerzen, sondern Wohlgefühl bereitet. Bausenatorin Katrin Lompscher führt vor, wie das funktioniert. Statt alle Kräfte für den Wohnungsbau zu mobilisieren und damit das größte Problem der Stadt zu mildern, vergrämt sie Investoren (Profitgeier!), redet sich feige auf ins Extrem getriebene Partizipationsverfahren hinaus statt zu entscheiden und suggeriert, eine Mietpreisbremse brächte das Heil.
Das populistische Getue behagt vielen Menschen. Was Kurt Tucholsky Anfang der 1930er-Jahre bei den „Sozis“ entdeckte, kann der suchende Wähler nun ganz ebenso über die Linke sagen: Diese Partei zu wählen „is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich.“ Tucholskys älterer, leicht besoffener Herr nannte sich „sossusahrn ein Opfer von unse Parteisserrissenheit“.
Zwar zeigt sich die Parteienlandschaft ungewöhnlich fragmentiert, doch gehen Parallelen zur Weimarer Zeit fehl: Heute sind alle relevanten Parteien – SPD, Linke, CDU und Grüne – im Grunde bürgerlich, agieren zuverlässig auf dem Boden des Grundgesetzes. Nimmt man die FDP hinzu, ergibt sich eine überwältigende bürgerlich-demokratische Mehrheit von etwa 80 Prozent.
Eine besorgniserregende Entwicklung aber zeigt das Spitzenresultat der Linken in Berlin doch: die wachsende Entfernung zwischen selbstverliebter Hauptstadt und kleinen sowie mittleren Städten oder gar Dörfern. Dass dort die Mehrheit der Menschen lebt, vergisst der Metropolitaner gern – ist er doch vor der Provinz und ihrer vermeintlichen Enge geflüchtet.
Die Linke hat den Osten aufgegeben
In der Stadt sammeln sich die Nischen der Provinz, werden zu kreativen oder destruktiven Milieus, erzeugen Moden, Extravaganzen, Verrücktheiten. Die Provinz hingegen verliert an Farbe, wird homogen, zukunftsskeptisch. In mancher Kleinstadt im Osten hat die SPD keine Ortsgruppe mehr, das halbe Dutzend Restlinker ist über 80. Dort füllt inzwischen die AfD die Säle, sammelt den Mittelstand. Die Linke hat den Osten aufgegeben. Metropole macht mehr Spaß, hier kriegt jedes Tierchen sein Pläsierchen.
Das gefällt dem Individualisten, aber das Gemeinwesen von 3,7 Millionen Menschen braucht auch verantwortliche Organisatoren, wenn Schulen, Polizei, Verwaltung funktionieren sollen. Man stelle sich vor, die Berliner könnten ihren Regierenden Bürgermeister direkt wählen. Da müsste einer oder eine mehr bieten als ein linker Wohlfühl-Dampfplauderer.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de