Es gibt jetzt schöne Männer an Stellen, an denen wir sie niemals vermuteten: in der Politik. Der französische Staatspräsident Emanuel Macron, geboren 1977, ist ein markantes Beispiel. Sebastian Kurz, Jahrgang 1986, Österreichs Demnächst-Kanzler, ein weiteres. Christian Lindner ist unser heimisches, 1979 geborenes Pendant.
Seit Jahrzehnten hört man, in unseren von den Medien geprägten Zeiten gehöre gutes Aussehen einfach zu den Grundvoraussetzungen des Erfolges. Das ist, wie jeder Blick in den Fernsehapparat zeigt, völliger Blödsinn. Nicht einmal unsere Moderatoren – es gibt Ausnahmen – sehen gut aus, geschweige denn die Politiker oder die Oberen Damen und Herren der Bürokratie. Welches Kabinettsmitglied der vergangenen Regierung war gut aussehend?
Desto auffälliger ist jetzt das Auftreten des schönen Mannes. „Ich gucke jedenfalls jetzt die Nachrichten lieber als früher“, erklärt mir eine Kollegin. Recht hat sie. Wer hat wirklich noch Lust auf die tief nach unten gezogenen Mundwinkel, auf jene Physiognomien, die schon Problem, Problem sagen, bevor ihr Träger auch nur den Mund geöffnet hat?
Der Dressman pflegt sich
Wer im Internet den Torberg-Satz aufruft „Alles was ein Mann schöner ist als ein Affe, ist Luxus“ stößt auf diesen Kommentar: „Ein bisschen Luxus braucht der Mensch.“ Wie viel das bisschen im Falle Macron ist, lässt sich genau beziffern: In den ersten drei Monaten als französischer Staatspräsident gab Emmanuel („Gott ist mit uns“) Macron 26.000 Euro für Kosmetik aus. Nein, nicht er, sondern der französische Steuerzahler.
Wir haben es bei den schönen neuen Männern mit einer sehr spezifischen Schönheit zu tun. Es lohnt sich, einen Blick auf sie zu werfen. Es ist der Dressman, der schlanke, duftende Mann, der sich pflegt. Er tut das nicht dezent. Jeder soll sehen, dass er auf sein Äußeres achtet. Es macht den Reiz seiner Schönheit aus, dass sie ein Produkt seiner Anstrengung ist. Einer Anstrengung, die sehr genau darauf achtet, dass er zwar Muskeln hat, aber nicht zu viel, dass seine Augenbrauen gezupft sind, dass er immer – wie meine Mutter sagte – picobello aussieht. Ein anderer ihrer Ausdrücke trifft die Sache noch besser: Wie aus dem Ei gepellt.
Also jugendlich, glatt und sauber. Ich mag das. Aber ich weiß doch auch, dass das Wörter sind, die man in einem einzigen zusammenfassen könnte: geschichtslos. Die Schönheit, die in Frankreich und Österreich große Teile der Bevölkerung gewählt haben, ist eine, die signalisiert: Sieh mich an, ich habe nichts getan. Ich habe noch keine Spuren und das Leben hat noch keine Spuren an mir hinterlassen. Es ist ganz unwichtig, ob es sich wirklich so verhält. Die Arbeit der Kosmetikerinnen war jedenfalls darauf ausgerichtet, diesen Eindruck zu erwecken.
Bertelsmann-Manager war der Prototyp
Aber die Geschichtslosigkeit dieser Gesichter hat eine lange Geschichte. Sie ist, ich sagte es schon, nicht einfach da, sondern das Produkt anstrengender Arbeit. Die Botschaft könnte sein: Wer sich selbst so gut stylen kann, nicht nur sein Outfit, sondern auch seinen Körper, dem ist zuzutrauen, dass er das auch mit dem Rest der Welt schafft. Jedenfalls aber bewundere ich ihn, denn meine Versuche, auch nur weniger fett zu sein, scheitern regelmäßig.
Anders als die Moralprediger glauben, hält die Spezies Mensch, die ja bekanntlich alles andere als sapiens=weise ist, deutlich mehr von der Pflege des Selbst als vom Altruismus. Der Wahlbürger scheint sogar auf jenen Typus Schönheit hereinzufallen, der ihm vor ein paar Jahren die Spargroschen abluchste, um damit die US-Immobilienblase immer noch riesiger werden zu lassen. Die feschen Bankberater waren gewissermaßen die Billigvarianten – sicher auch, was ihre Pflegesets angeht – jener schönen Männer, die heute mit ihren auf Taille geschnittenen Jacketts, der sorgfältig inszenierten Haartracht und der Männlichkeit andeutenden leichten Verdunklung des am Abend eben nicht mehr perfekt rasierten Gesichts erfolgreich auf Stimmenfang gehen.
Der Prototyp dieser Produktion war vor vielen Jahren der Bertelsmann-Manager. Man konnte den Eindruck haben, bei Gütersloh gäbe es einen Stanzautomaten, der sie produziert. Inzwischen ist das Modell verfeinert worden. Oder trifft hochgetunt es besser?
Ich habe kein Wort über Politik verloren. Denn ich bin mir sicher, gute Politik lässt sich mit und ohne Kosmetik machen. Aber mir geht ein berühmtes Wort über den jungen Cäsar nicht aus dem Kopf: „Der Mann aller Frauen und die Frau aller Männer.“
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