Dicht gedrängt stehen die Menschen auf der Rolltreppe. Die halbe S-Bahn ist am Bahnhof Friedrichstraße ausgestiegen. Gerade denke ich, wie erstaunlich es eigentlich ist, dass die Massen immer so friedlich und gelassen durch diese Nadelöhre kommen, da steigt mir ein übler Geruch in die Nase. Auch andere verziehen das Gesicht, drehen die Köpfe, die Quelle suchend.
Schweiß, Kot, wochenlang nicht gewaschene Haut. Es ist der Geruch der Heimatlosigkeit. Der Geruch derer, die ganz unten leben. Es ist der Geruch, der daran erinnert, dass Bahnhöfe für viele Menschen keine Umsteigestation sind. Für zu viele.
Man hat ihn häufig in der Nase, diesen Geruch, in den kalten, nassen Tagen. Zu häufig.
Auch ich drehe mich um, ganz automatisch. Sehe einen schmalen, bestürzend jungen Mann. Ich sehe, dass er weiß, wie er riecht. Er hält den Kopf gesenkt, als ob er unsichtbar werden möchte. Die Scham ist quälender als der Gestank.
Krebsrot vor Wut
„Verpiss dich!“ schreit plötzlich jemand, und noch einmal: „Verpiss dich!“ Und ehe die Hoffnung aufkommen könnte, es handele sich um einen Streit zwischen Halbstarken, legt er nach: „Du oller Penner! Du stinkst! Verpiss Dich.“
Der Schreihals steht zwei Reihen hinter dem Obdachlosen, sein Kopf unter den fast weißen, stachligen Haaren ist krebsrot. Neben ihm tippt ein Mädchen, engelhaft schmal, lange dunkle Haare, etwas in ihr Handy. Sie sieht kurz auf und streichelt seinen Arm. „Nich doch, Roman. Hör auf“, sagt sie zärtlich.
Roman aber denkt nicht ans Aufhören. Seine Wut schlägt um sich wie ein Raubtier. „Verpiss dich endlich“. Der Gemeinte macht sich noch kleiner. „Entschuldigung“, sagt er. Und wieder: „Entschuldigung“. Die Menschen auf der Rolltreppe winden sich – nicht länger wegen des Geruchs, es ist die Demütigung, der Hass, der viel stärker stinkt als ein Mensch es je könnte.
Kein Grund, erleichtert zu sein
„Hören Sie doch auf“ ertönt es von irgendwo, und: „Lassen Sie ihn in Ruhe.“ Die Stimmen klingen zögerlich. Alle haben Angst.
Es ist zu eng auf der Treppe für eine solche Wut. Zum Glück stehen Menschen zwischen dem Rasenden und seinem Opfer. Oben angekommen sehe ich den jungen Mann hinkend davon eilen. Auch der Wüterich stampft davon, in eine andere Richtung, immer noch vor sich hin fluchend. Verächtliche Blicke folgen ihm, aber auch Erleichterung. Seine Freundin rennt hinter ihm her: „Roman, Roman“, ruft sie, und hakt sich bei ihm ein, als sie ihn erreicht.
Draußen auf der Straße dreht sich unter einem Berg Decken jemand um. Ein Schlafsack raschelt. Es ist einer von vielen. Wir haben keinen Grund, erleichtert zu sein.
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