Kommentar des Tages

Optimal ist nicht immer gut

Volker Heise
3 Min
Wir sollten wir öfter einfach mal loslassen und Spaß ins Leben bringen. (Symbolfoto)

Wir sollten wir öfter einfach mal loslassen und Spaß ins Leben bringen. (Symbolfoto)

© imago/PhotoAlto

Vor nicht allzu langer Zeit fuhr ich mit der Deutschen Bahn. Mein Zug hatte Verspätung. Als ich umsteigen wollte, war der andere Zug schon weggefahren. Ich hatte den Anschluss verloren, was an sich kein großes Thema ist, aber im großen Lebenszusammenhang eine Katastrophe.

Deutschland zum Beispiel scheint dauernd den Anschluss zu verlieren: an die Digitalisierung, an die E-Mobilität, an die Bildung und Forschung, an das Vertrauen in Aktien für die Altersversorgung. Überall fährt der Zug ab und wir stehen an der Bahnsteigkante und winken ihm hinterher, während er davonrast Richtung Zukunft.

Das einzige Mittel gegen den Verlust des Anschlusses ist die Optimierung. Sie sorgt dafür, dass wir unsere Ressourcen und Möglichkeiten perfekt ausnutzen und das letzte Quäntchen Energie freisetzen. So halten wir nicht nur den Anschluss, sondern können uns möglicherweise auch an die Spitze des Zuges setzen. Dann sind wir kein Viehtransporter auf dem Abstellgleis mehr, sondern eine Lokomotive, die den Zug zieht, auch wenn sie nicht weiß, wohin.

Die Macht der Optimierung

Die Idee der Optimierung hat unser ganzes Leben so ungefragt durchdrungen, dass es scheinbar keine Alternative gibt. Man kann sogar vom Zeitalter der Optimierung reden, das uns nicht eher ruhen lässt, bis wir besser sind als gerade eben noch, also nie. Ein Anzeichen für die Macht der Optimierung ist die Tatsache, dass ihr Gegensatz kaum bekannt ist und nicht den Weg in unseren Sprachgebrauch gefunden hat, womöglich auch nicht finden kann. Er heißt: die Pessimierung.

Wie Optimierung von „optimum“ kommt, was erstens lateinisch ist und zweitens der Superlativ von „bonus“, stammt Pessimierung von pessimum ab, Superlativ von „malus“, schlecht. Die Optimierung legt es darauf an, das Beste noch besser zu machen, während es die Pessimierung darauf abgesehen hat, das Schlechte so schlecht zu machen, dass es nicht mehr schlechter geht. Nun kann man einwenden: Was soll die Pessimierung bringen? Ist die Welt nicht schon schlecht genug?

Der optimale Langweiler

Mag sein. Aber was wird, wenn wir alle optimal sind? Supergesund mit Superaktien im Pensionsfonds? Mit Eins-Nuller-Abitur? Volldigitalisiert? In der Garage einen Tesla, den wir uns leisten können, weil wir alle, aber wirklich alle, den Beruf der Zukunft ergriffen haben und Informatiker geworden sind, was wiederum der einzige Beruf ist, der sich zum Ziel gesetzt hat, sich selbst abzuschaffen?

Wenn wir uns in unseren 5.0-Häusern langweilen wie Ratten in der Falle (schnapp!), weil die Maschinen jeden Handgriff übernommen haben (schnapp!) und uns schon morgens sagen, was wir abends tun werden (schnapp!) und wie viel Kalorien wir dabei verbrauchen dürfen (schnapp!-schnapp!)? Wenn unsere einzige Aufgabe ist, optimale Langweiler zu werden?

Darum froh ans Werk und Spaß ins Leben bringen! Einmal nicht der Erste sein, sondern konsequent auf Pessimierung setzen. Sich downgraden und mit nur einem Bewertungsstern durch das Leben gehen. Im Café sitzen, ein Buch lesen und ein glücklicher Mensch sein. Den Trend nicht anderen Menschen vorenthalten, sondern ein Buch schreiben („Glücklich durch Pessimierung – In zehn Schritten zum Loser“) und damit zum Schlechtseller werden, was sofort auf Facebook gepostet werden kann: Endlich habe ich es gefunden! Das optimale Leben. Besser geht es nicht.

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