In der vergangenen Woche las ich in der Zeit, dass wir zu den „verkehrten Familien“ gehören. Verkehrt heißt, bei uns läuft was nicht, wie es soll, die natürliche Ordnung, die Glück und Stabilität verspricht, ist offenbar gestört. Wie die Ordnung in Deutschland ist, das sieht man auf jeder Steuererklärung, an erster Stelle steht der Mann, an zweiter die Frau, auch wenn sie mehr als der Partner verdient. Verkehrte Familien, so nennt eine Soziologin aus Düsseldorf Paare, bei denen Frauen mehr verdienen als ihre Männer.
Wir gehören zu jenen 13 Prozent der Familien, bei denen das so ist. Im Osten Deutschlands ernährt sogar jede fünfte Frau die Familie, erfahre ich aus der Zeit. Das wäre für fortschrittliche Geister eine gute Nachricht, doch die Zeitung aus Hamburg ist besorgt. „Neue Geschlechterrollen stellen die Liebe junger Paare auf die Probe. Wie ist sie zu retten?“, fragt sie.
Wollen Frauen Männer mit höherem Status?
Ich bin fest angestellt, mein Mann ist freiberuflich, ich verdiene mehr als er, dass unser Arrangement der Liebe schaden würde, war mir noch nicht aufgefallen. Mir fallen aber sofort ein Dutzend andere Dinge ein, die die Liebe auf die Probe stellen könnten: Kinder, iPhones, Besuche bei den Schwiegereltern, junge Assistentinnen. Gibt es dazu auch soziologische Forschungen? Und ist Liebe nicht sowieso etwas sehr Widersprüchliches, bei dem die Enttäuschung und der Schmerz immer schon mitgedacht werden? Man merkt das besonders mit eigenen Kindern: Man liebt sie so sehr, dass man es manchmal kaum aushält. Man will sie beschützen vor allem Schlechten und weiß schon, dass man zum Scheitern verurteilt ist.
Und was ist mit den 87 Prozent, bei denen der Mann mehr verdient? Wie schlecht das für die Liebe ist, weiß man spätestens, seit der damalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Torsten Albig, kurz vor der Wahl erklärte, dass er sich von seiner langjährigen Gattin trennen würde, weil er sich nicht mehr mit ihr auf Augenhöhe unterhalten könne. Seine Frau war Hausfrau und hatte die gemeinsamen Kinder großgezogen. Frauen wollen Männer mit höherem Status, heißt es oft.
Neue Generationen von Frauen wachsen heran
In der Zeit kommt eine weitere Soziologin zu Wort, die seit über 20 Jahren über die Zufriedenheit von Paaren forscht. Sie sagt, dass Frauen Hausmänner insgeheim verachten und Männer sich in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen. Eine Verlagsmanagerin, die mit einem Supermarkt-Kassierer liiert ist, berichtet, dass sie ihrem Mann unterm Tisch die Geldbörse hinschiebt, damit er im Lokal bezahlen kann. Es ist von Frauen die Rede, die nach einem langen Arbeitstag auch noch zu Hause alles erledigen, Wäsche, Einkauf, Putzen, weil sie ihren Mann mit einem dreckigen Klo nicht weiter erniedrigen wollen.
Es ist nicht so, dass ich diese Forschungen infrage stelle. Und klar: Eine Ehe mit einem richtigen Mann konnte einst dem Berufsweg mehr helfen als jeder Gleichstellungsplan. Siehe Friede Springer. Aber ich sage: Das sind Geschichten von gestern. Neue Generationen von Frauen wachsen heran, super ausgebildet, ehrgeizig und klug. Sie werden langsam aus den Fehlern ihrer Mütter und Großmütter lernen. Sie werden sich nicht ihre Wünsche ausreden lassen und das als selbstbewussten Schritt verkaufen. Sie werden um bessere Gehälter und Parität kämpfen, in allen Bereichen. Sie werden mit ihrem Partner verhandeln, wer wann wie lange pausiert. Und die Liebe wird das womöglich stärker machen.
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