Die Aufregung über die Attacke von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf Kanzlerin Merkel in der BND-Affäre schlug hohe Wellen, als ein Berliner Spitzengenosse im kleinen Kreis eine interessante Erklärung der schwarz-roten Spannungen lieferte. Das Bündnis, meinte er, sei nicht zerrüttet, nur „schlecht ausbalanciert“: Die Union setze zu wenig von ihrer Politik durch, die SPD erziele zu schlechte Umfragewerte.
Wenn diese Analyse stimmt, dann haben die vergangenen beiden Tage die große Koalition stabilisiert: Mit dem Abbau der kalten Progression und der Maut kann die Union zwei ihrer Vorzeige-Projekte umsetzen. Umgekehrt legt Gabriel im ARD-Deutschlandtrend fünf Punkte zu, während die vermeintlich unverwundbare Merkel fünf Punkte verliert. Der SPD-Chef wird dies als Bestätigung seines scharfen Abgrenzungskurses in dem Spionage-Skandal verstehen.
An einer weiteren Eskalation des Konflikts aber hat er kein Interesse. Das zeigt sein Verhalten bei der Maut: Mit einem Anruf beim Kieler SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig verhinderte er persönlich die geplante rot-grüne Blockade der Straßen-Abgabe im Bundesrat. Die nämlich hätte die CSU auf die Barrikaden und die Koalition in schwere Turbulenzen gebracht. Bei Neuwahlen sähe die SPD derzeit trotz alledem alt aus. Deshalb fährt ihr Vorsitzender zweigleisig: Er piesackt die Kanzlerin, vermeidet aber jeden Anlass für einen Bruch der Koalition.
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