Für Donald Trump war es die bisher größte Bühne und der wichtigste Auftritt seiner Präsidentschaftskandidatur. Die Fernsehdebatte mit seiner demokratischen Kontrahentin Hillary Clinton war seine Chance: Trump hätte sich präsidiabel, souverän, kalkuliert und diszipliniert zeigen müssen.
Er hätte versuchen müssen, sein Rezept für ein anderes Amerika vorzulegen. Die Erwartungen an ihn waren, nicht nur bei Liberalen, sondern sogar unter seinen Anhängern, bei US-Republikanern und Konservativen denkbar niedrig. Die Ausgangslage hätte also besser nicht sein können für Trump – nichts ist schließlich einfacher, als geringe Erwartungen zu übertreffen. Vor den Augen von 100 Millionen Zuschauern weltweit hat Trump hat diese Chance verpasst, er hat nicht einmal versucht, konsistent zu argumentieren und solide aufzutreten.
Trump schlechter als erwartet
Trump war in diesen 90 Minuten sogar schlechter als erwartet. Je länger der Auftritt dauerte, desto schwächer wurde Trump, desto öfter ließ er sich von Clinton provozieren. Anfangs konnte der Multimilliardär noch Punkte sammeln, als es um die Wirtschaft ging. Und auch sein simpler Ruf nach Law and Order könnte vielen verängstigen US-Bürgern aus dem Herzen sprechen. Überhaupt appellierte Trump auch dieses Mal nur an die Gefühle, niemals an den Verstand der Wähler.
Aber Trump war, je länger der Abend dauerte, immer weniger imstande, die wohlkalkulierten Attacken seiner Gegnerin zu parieren. Er wirkte schlecht vorbereitet, konfus, unkonzentriert, unhöflich bis respektlos, ganz und gar nicht schlagfertig, sondern einfach nur humorfrei, selbstgerecht, aggressiv und zum Schluss wurde er sogar ausfällig gegen Frauen. Was für eine Vorlage für Clinton!
Trump redet sein eigenes Land schlecht
Von Debatte konnte in dieser Nacht im Grunde genommen dennoch keine Rede sein – es war die asymmetrische Begegnung zweier Menschen, die nicht einmal die gleiche Sprache zu sprechen scheinen. Ja, man konnte den Eindruck gewinnen, Trump lebe in einem anderen Land als Clinton, als lebe er in seiner eigenen Blase.
Trump, der in die Politik strebt, verachtet Politik und Politiker, das machte er ganz klar. Und auf nahezu unpatriotische Art und Weise redet er sein eigenes Land schlecht: Die Innenstädte beschreibt er als Hölle, die Flughäfen, überhaupt die Infrastruktur vergleicht er mit der eines unterentwickelten Landes, die Industrie sieht er im vollkommenen Niedergang, die Arbeitslosigkeit unaufhaltsam steigend, ganze Landstriche verarmend. Überzeugende Mittel zur Abhilfe freilich hat er keine geboten. Ihm genügt die Negation.
Trumps Schwäche machte auch Clinton schwach
Ganz anders dagegen Hillary Clinton. Auch sie blieb, das muss gesagt werden, inhaltlich-konzeptionell deutlich unter den Erwartungen und ihren Möglichkeiten. Die Schwäche ihres Gegners machte auch sie schwach. Es gelang Clinton zwar, Nadelstiche zu setzen gegen Trump. Sie entlarvte ihn und lockte ihn aus der Reserve. Sie wirkte souverän, intelligent, überlegt, faktensicher, erfahren, kenntnisreich, präsidial. Auch war sie schlagfertig, gut präpariert und hatte – ganz anders als Trump – zu den meisten Fragen eine politische Antwort, ein ausgearbeitetes Konzept.
Clinton schaffte es, ihre Perspektive darzulegen. Sie zeigte sogar ein bisschen Humor, war lockerer als sonst. Und doch: Hillary Clinton blieb, wie viele Wähler sie kennen und überhaupt nicht schätzen: die gewiefte Politikerin, die ihr Handwerk beherrscht, aber kühl und unpersönlich erscheint. Eine emotionale und zugleich politische Erzählung für die Präsidentschaft hat sie nicht. Clintons Charisma? Fehlanzeige.
Beide bleiben sich treu
So steht am Tag nach dem großen Nicht-Austausch die Frage: Hat sich etwas geändert? Im Grunde nein. Trump bleibt Trump – unpolitisch, populistisch, unberechenbar. Und gefährlich für die Stabilität der Weltordnung, so fragil sie auch ist. Auch Clinton blieb sich treu. Beide haben es mit dieser Show bestenfalls geschafft, ihr Stammklientel fester an sich binden. Mehr nicht. Das jeweils andere Lager haben sie nicht erreicht, die Spaltung ihres Landes konnten sie nicht überwinden.
Donald Trump wird bis zum 8. November seine ganze Energie darauf verwenden, die Apolitischen, die Nicht-Wähler, die Politikverdrossenen und Unzufriedenen für sich zu mobilisieren.
Hillary Clinton aber muss – wenn sie die erste US-Präsidentin werden und die Hoffnung der Welt auf einen berechenbaren Partner im Weißen Haus nicht enttäuschen will – alles daran setzen, die vielen Unentschlossenen oder auch der Vernunft noch zugänglichen Politikmüden von sich zu überzeugen. Doch dafür muss die Demokratin mehr bieten als in dieser Nacht.
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