Thomas de Maizière ist bekannt für markante Zitate: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ (2015) ist mit Sicherheit das geläufigste, doch der ehemalige Innenminister der CDU hat noch mehr rausgehauen, womit er sich bleibender Erinnerung sicher sein kann, unter anderem zur Flüchtlingskrise. Inzwischen ist der 69-Jährige nicht mehr in der Tagespolitik aktiv, sondern Kirchentagspräsident. Und als solcher hat er es nun wieder getan. Diesmal hat er die Generation der 20- bis 30-Jährigen kritisiert, deren Anspruchshaltung ihm „gegen den Strich“ gehe.
„Mich ärgert, dass sie zu viel an sich denken und zu wenig an die Gesellschaft. Am siebten Tage sollst du ruhen, heißt es in der Bibel. Das bedeutet ein Verhältnis von sechs zu eins. Und nicht, dass die Freizeit überwiegt“, sagte er vergangene Woche. Das sorgt nun für keine gute Laune in der jungen Generation.
Kirchentagspräsident de Maizière kritisiert junge Generation
In sozialen Medien wird das Thema heiß diskutiert, auch von Älteren. Die vorwiegend der jüngeren Generation argumentativ zur Seite springen, da es doch die Generation de Maizières sei, die durch ihr egoistisches Verhalten vor allem beim Klimaschutz die Zukunft zerstört habe, so das bekannte Narrativ. Dabei hat de Maizière im selben Interview die neue Klimabewegung ausdrücklich gelobt: „Dass die junge Generation Druck macht beim Klimathema, ist ein Segen. Sie ist politisch, argumentiert präzise und ohne Blabla.“
Welcher seiner neuerlichen Sprüche also wieder mal unvergessen bleibt, bleibt noch abzuwarten, gewiss ist jetzt schon: Die Gräben zwischen den Generationen werden mal wieder tief gegraben. Viele Arbeitgeber werden sich innerlich bei de Maizière bedankt haben, wenn sie kaum noch Nachwuchskräfte finden, die bereit sind, für einen Vollzeitjob auch wirklich in Vollzeit zu arbeiten. Viele Jüngere hingegen haben an ihren eigenen Eltern erlebt, dass diese für die Arbeit ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, und wollen das – verständlicherweise – für sich nicht.
„Wir müssen uns auf einen Zusammenbruch der Krankenhausinfrastruktur einstellen“
Eine Branche, die dieses Dilemma der allgemein fehlenden Arbeitskräfte besonders hart trifft, ist die Gesundheits- und Pflegebranche. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass wir in Deutschland aufgrund der Demografie in eine besonders explosive Mischung hineinlaufen, weil wir erstens immer älter werden und nicht genügend Nachwuchs bekommen, was sich nicht nur schlecht auf die Renten auswirkt, sondern auch auf die medizinische und pflegerische Versorgung. Wer soll all die Alten pflegen und verarzten, wenn es dazu nicht genügend Nachwuchs gibt? Dabei sind die meisten Boomer noch nicht mal in Rente. Das kommt erst noch.
Zweitens leben aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts die Leute immer länger, das Ende ihres Lebens ist aber dann oft sehr pflegeintensiv. Das gab es früher nicht; die Menschen sind einfach gestorben, wenn sie alt und/oder sehr krank waren. Das sorgt nun zusätzlich für einen großen Bedarf an Ärzten, Pflegekräften und geeigneten Einrichtungen.
Pflegekräfte aus Brasilien lösen nicht unser Problem, liebe Bundesminister
Diese Diskussion wird seit mindestens 30 Jahren politisch geführt. Passiert ist so gut wie nichts. Jetzt befinden wir uns in genau dieser Situation, vor der seit Jahrzehnten gewarnt wurde. Unter anderem die Pandemie hat den sich immer weiter zuspitzenden Pflegenotstand noch verstärkt. Nach jüngsten Umfragen etwa der Deutschen Gesellschaft für Intensiv- und Notfallmedizin (DGIIN), die dazu in dieser Woche tagt, will fast die Hälfte der Ärzte und Pflegekräfte auf Intensivstationen und in Notaufnahmen wegen Überlastung demnächst den Arbeitgeber wechseln oder spielt zumindest mit dem Gedanken. Elf Prozent wollen gar ganz aus dem Job raus. Und zwar sowohl Pflegkräfte als auch Ärzte.
Das sind, wie die DGIIN betont, hoch qualifizierte und teuer ausgebildete Mitarbeiter, die dem Gesundheitssystem verloren gehen. Weil sich niemand darum gekümmert hat, die zu erwartende Belastung der viel zu wenigen Fachkräfte zu reduzieren, als es noch ging.
Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, die Überlastung des Gesundheitssystems ist da und wird sich auch durch noch so gut gemeinte kurzfristige Änderungen an der Klinikstruktur nicht grundsätzlich ändern.
Dies wäre mal ein Thema, für das sich Jüngere oder Ältere an Kliniken oder vor Parteizentralen kleben könnten, wenn es ihnen um ihre Zukunft geht. Denn bevor die Erde schmilzt, werden noch ganze Generationen von Patienten in Krankenhausfluren unversorgt sterben oder in Altenheimen alleine in ihren Betten liegen. Und bei dieser Krise kann es keine Zweifel geben: Sie ist eindeutig menschengemacht.
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