Kommentar zu Abgas-Tests

Das Verhalten deutscher Wirtschaftslenker ist erschreckend

Das Verhalten der Großen in der Wirtschaft erschüttert die Gesellschaft.

Stefan Sauer RICHTIG
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Symbolbild

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Zwei Begebenheiten, die dieser Tage öffentlich geworden sind, erschüttern die Grundfesten der Gesellschaft. Es geht zum einen um das Verhalten der deutschen Wirtschaftselite gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Zum anderen um Menschenversuche, die die von VW, Daimler, BMW und Bosch gegründete Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) hat durchführen lassen. 

Unverantwortliche Menschenrechtsversuche

Um mit letzterem zu beginnen: Die Universität Aachen hat im Auftrag der EUGT 25 Volljährige  für nicht näher bezeichnete „kürzere“ Zeiträume mit Stickstoffdioxid (NO2) begast, um mögliche Auswirkungen des Schadstoffs auf die menschliche Gesundheit zu eruieren. Nun sind Tests an Menschen im pharmazeutischen Bereich nicht nur üblich, sondern zwingend vorgeschrieben. Bevor neue Wirkstoffe und Medikamente eine Zulassung erhalten, sind nicht nur Versuche an Tieren, sondern auch klinische Anwendungen an Menschen obligatorisch, die nicht frei von Risiko für die Probanden sind. Ethisch steht diese Praxis insoweit in der Kritik, als dass die Testpersonen für die Teilnahme an den Versuchen bezahlt werden und in der Folge vor allem Menschen mit wenig Geld sich dazu bereitfinden. Dem steht das im Grundsatz löbliche Forschungsziel entgegen, ein neues, möglicherweise lebensrettendes Arzneimittel zur Verfügung zu haben. Vor allem aber gibt es zu klinischen Pharmaversuchen keine sinnvolle Alternative.

Die von der EUGT – und damit von den Großen des deutschen Autobaus – verantworteten Menschenversuche sind völlig anderer Natur. Es ging nicht darum, Erkrankungen zu heilen oder lindern. Die Tests wurden vielmehr durchgeführt, um geltende Grenzwerte für Stickstoffdioxid in Frage zu stellen. Man setzte Menschen dem Gas aus, um zu zeigen: Passiert nichts, ist halb so wild. Die Uni Aachen lieferte diese Ergebnisse dann auch prompt. Abseits manchen Zweifels, den solche interessengeleitete Auftragsforschung wecken mag, stellt sich eine viel fundamentalere Frage: Wie wäre es zu verantworten, wenn die Versuchsbegasung den Probanden geschadet hätte? Die Antwort lautet: Überhaupt nicht, niemals.

Gesunde Menschen versuchshalber Stickstoffoxiden auszusetzen, die unzweifelhaft Atemwegserkrankungen hervorrufen sowie Allergie-Reaktionen verstärken können und für die aus eben diesen Gründen EU-weit Obergrenzen gelten, ist schlicht unverantwortlich.

Forschung, um die eigenen Interessen zu schützen

Dabei ist es unerheblich, ob die Versuche im Zusammenhang mit dem Dieselabgas-Skandal standen, oder ob sie, wie die Uni Aachen nun behauptet, im Zusammenhang mit NO2-Grenzwerte am Arbeitsplatz ins Bild gesetzt wurden. Zumal besagte EUGT später in den USA Versuche an Affen veranlasste, die eindeutig dazu dienten, die Unbedenklichkeit des „sauberen“ Dieselantriebs zu belegen. Man forschte nicht, um Schadstoffe zu reduzieren, sondern um deren Ungefährlichkeit belegen zu können. Es bleibt im wahren Wortsinn unfassbar, dass diese Tests von einer Branche veranlasst wurden, die seit Jahren systematisch und mit teils betrügerischen Methoden die NO2-Belastung durch ihre Erzeugnisse herunter manipulierte. Ebenso, dass dies in einem Land geschieht, in dem die Begriffe „Menschenversuch“ und „Gas“ ein ewiges Tabu markieren sollten, dies aber offenbar nicht mehr tun.

Wer mag vor diesem Hintergrund die eilige Distanzierung von den Aachener Tests, die am Montag aus den Chefetagen der Konzerne drang, als Zeichen aufrichtiger Betroffenheit deuten? Wer argwöhnte nicht, das Bedauern gelte nicht den Versuchen an Menschen und Affen, sondern der Tatsache, dabei ertappt worden zu sein? Wer schenkte noch den Bekenntnissen der Topmanager Glauben, man handele in Verantwortung für Mensch, Gesellschaft und kommende Generationen?

Karikatur eines speichelleckenden Untertanen

Sehr ähnliche Fragen stellen sich in Anbetracht des Verhaltens, das die deutsche Wirtschaftselite gegenüber Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos an den Tag legte. In den Abendnachrichten war zu besichtigen, wie Siemenschef Joe Käser den neben ihm platzierten Trump für dessen Steuerreform huldigte; wie er sich von einem Mann, den er insgeheim vermutlich als inkompetent und größenwahnsinnig empfindet, für Milliardeninvestitionen in den USA belobigen ließ und dabei wie die Karikatur eines speichelleckenden Untertanen wirkte. Dabei hatte Käser in gewisser Weise nur das Pech, beim Katzbuckeln von den Kameras eingefangen zu werden. Am Tisch saßen schließlich auch die Vorstandsvorsitzenden von Adidas, Bayer, SAP und anderer internationaler Konzerne, die ins gleiche Horn stießen: Hoch die Steuerreform, es lebe der Präsident.

Zur Erinnerung: Trumps Steuerreform wird Reiche reicher machen und Armen nichts nützen. Zugleich wird sie die Staatsverschuldung in ruinöse Höhen treiben, kommende Generationen haben dafür gerade zu stehen. Verantwortung? Gemeinsinn? Nachhaltigkeit? Man möchte sich erbrechen.

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