Kommentar zu Erdogan

Der große Macho und die Nüchterne

Auch wenn bei der Frage eines EU-Beitritts der Türkei Uneinigkeit herrscht: Der Besuch von Recep Tayyip Erdogan verlief vergleichsweise harmonisch. Auch, weil Angela Merkel unbequeme Fragen vermied.

Daniela Vates
2 Min

So richtig prächtig werden sich Recep Tayyip Erdogan und Angela Merkel wohl nie verstehen, der Macho und die Nüchterne. Gemessen an der persönlichen Chemie der beiden, war der gemeinsame Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten und der deutschen Kanzlerin in Berlin - bei aller Distanz - allerdings geradezu ein Ausbund an Zugewandtheit.

Merkel ließ die Gezi-Proteste und Korruptionsskandale als innertürkische Angelegenheiten auf sich beruhen. Sie vermied es, Erdogan noch kurz vor den Wahlen durch scharfe Bemerkungen zusätzlich zu schwächen. Die Gülen-Bewegung allerdings scheint Angela Merkel auch nicht gerade eine wünschenswerte Alternative. Erdogan gab auf der anderen Seite den Integrationsfreund statt den Assimilationswarner.

Gegenseitige Abhängigkeit

Die Zugewandtheit hat Gründe. Und die hat Erdogan formuliert: Die Türkei braucht die EU und die EU braucht die Türkei. Das ist nun auch wieder ziemlich nüchtern. Durch den arabischen Frühling ist die arabische Welt ein unsicherer Partner für die Türkei geworden, Russland scheint auch nicht mehr so hoch im Kurs. Und Europa hat die Türkei als hochinteressanten Handelspartner erkannt und als wertvollen sicherheits- wie außenpolitischen Verbündeten.

Nicht zu Unrecht hat Erdogan darauf hingewiesen, wie viele Flüchtlinge aus Syrien die Türkei aufgenommen hat und wie wenige die EU. Nicht zu unrecht hat er auch erklärt, dass die wirtschaftliche Lage der Türkei gemessen an der anderer Länder immer noch ziemlich gut ist und europäische Unternehmen ganz unruhig werden beim Gedanken an den riesigen Absatzmarkt mit einer konsumfreudigen Bevölkerung.

Das ändert nichts daran, dass Erdogan vor allem auch ein bemerkenswerter Verkäufer ist. Einer, der alles, was nicht ins Bild passt, flugs zu Missverständnissen oder zur Verschwörung erklärt. Merkel hat sich entschieden, das erst einmal hinzunehmen.

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