Köln - Kardinal Meisner ist kein Islam-Hasser und erst recht kein Rassist. Warum gesagt werden muss, was für den Vertreter einer der religiösen Toleranz verpflichteten, multiethnischen Weltgemeinschaft selbstverständlich sein sollte? Weil die jüngsten Äußerungen des Kölner Erzbischofs über Glaubenskraft und Kinderreichtum in den Sog islamfeindlicher Ängste und demografischer Überfremdungsfantasien zu geraten drohen.
Im Überschwang über christliches Glaubenszeugnis wollte Meisner die Mitglieder des „Neokatechumenalen Weges“ loben - Katholiken so recht nach seinem Herzen fromm im althergebrachten Sinne, dem Papst und der hohen Geistlichkeit ergeben, bemüht um konservative Werte und das klassische Familienbild. Dazu gehören Kinder, wie Meisner gern betont, viele Kinder.
Nur so ist es zu verstehen, dass der scheidende Erzbischof seine Wertschätzung als interreligiöse Familienrelation ausdrückt. 3:1, in diesem Verhältnis stehen für Meisner nach eigenem Bekunden christliche Familien des Neokatechumenats zu muslimischen Familien.
Arroganz und Selbstgenügsamkeit
Solch eine unbedarfte, ebenso unglückliche wie verunglückte Formulierung sollte einem Kirchenmann von Meisners Rang und Gewicht nicht über die Lippen kommen. Aber die Überbietungsrhetorik offenbart kurz vor dem Ende seiner Amtszeit noch einmal jene Sicht auf Kirche und Welt, mit der Meisner ein Vierteljahrhundert lang das Erzbistum Köln gelenkt und Kirchenpolitik gemacht hat: Mögen die Katholiken hierzulande in der Defensive sein und einer der Religion entfremdeten Gesellschaft als befremdliches Völkchen gelten - in Wahrheit sind sie als "heiliger Rest" über alle erhaben.
Zu echter Begegnung kommt es bei einem solchen Gefälle nicht. Die Kirche ist sich selbst genug. Kein Wunder, dass Meisner mit Papst Franziskus fremdelt. Denn der sagt, eine solche Kirche sei krank.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de