Kommentar zu Narendra Modi

Indiens Kehrtwende

Indiens neuer Premier ist kein Demokrat. Die meisten Wähler wissen, dass sie ein Risiko eingegangen sind, indem sie sich für mehr Wachstum und gegen bürgerliche Freiheiten entschieden haben.

Willi Germund
2 Min

Die größte Demokratie der Welt entschied sich für den „sanften Faschismus“, wie die Zeitung Times of India die künftige Regierung des Hindu-Nationalisten Narendra Modi schon vor Wochen nannte. Die Nation, die mit ihrer Vielfalt an Kulturen, Sprachen und einem unvergleichlich chaotischen Lebensstil als Vorbild für das funktionierende Zusammenleben verschiedener Religionen und Völker galt, wirft die Tradition der Toleranz über Bord.

Indiens neuer Premierminister ist kein Demokrat. Er verlangt Unterwerfung im Tausch für politische Leistungen. Indiens Tycoons werden dies ebenso zu spüren bekommen wie politische Gegner und Minderheiten. Viele meinen, die dunklen Wolken einer autoritären Scheindemokratie nach dem Muster von Putins Russland oder Erdogans Türkei heraufziehen zu sehen. Narendra Modi erscheint den Indern nach Jahren des Schlendrians mehr als einzige verbliebene Alternative denn als Heilsbringer. Sie wissen, dass sie ein Risiko eingegangen sind, als sie bürgerliche Freiheiten in die dritte Reihe ihrer Prioritäten verbannten und sich für Recht und Ordnung und Wachstum entschieden. Nach zehnjähriger Amtszeit hatte die ehrwürdige Kongresspartei mit ihrer ausgezehrten Gandhi-Dynastie der hindu-nationalistischen Welle keine Ideen mehr entgegenzusetzen. Man darf bezweifeln, dass ihr je wieder die Rückkehr an die Macht gelingen wird.

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