Ganze sechsmal schlug die Berliner Polizei bis zum Montagnachmittag Alarm. Herrenlose Koffer, Taschen und einmal auch nur ein alter DVD-Player ließen die Beamten jedes Mal eine Bombenanschlag befürchten. Sechsmal rückten Sprengstoffexperten aus, um die Fundstücke zu untersuchen. Sechsmal Straßensperrungen, sechsmal Verkehrschaos, sechsmal Aufregung. Sechsmal ein bisschen Nervosität bei allen, die in der Nähe standen. Und dann sechsmal Entwarnung, zum Glück.
Bei Facebook kommentierten im Laufe des Nachmittags einige Berliner die Nachrichtenbeiträge zu den Polizeieinsätzen mit dem Wort "Panikmache". Von "Aufbauschen" und "Hysterie" war da die Rede. Nutzer schimpften, solche Vorsichtsmaßnahmen verstopften die Stadt und machten Auto- und Bahnfahrer zu Leidtragenden. Ist der Aufruhr zu groß? Ist eine Straßensperrung aufgrund eines neben dem Mülleimer entsorgten DVD-Players gerechtfertigt?
Ja, das ist sie. Denn was wäre im Ernstfall? Es ist doch jeden Stau, jede verspätete U-Bahn und jeden Umweg wert, wenn damit nur die winzige Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags aus dem Weg geräumt wird.
Die Anschläge von Paris fühlen sich sehr nah an. Eine Metropole in Europa, ein Nachbarland, eine Stadt, die liberal denkt und sich gerne selbst feiert, multikulturell und ein Magnet für Besucher ist. Paris und Berlin sind sich ähnlich. "Es könnte irgendwann auch einmal uns treffen", diesen Gedanken hat wohl jeder am Wochenende einmal gehabt.
Da verleiht es ein gutes und sicheres Gefühl, zu wissen, dass die Berliner Polizei jedem noch so kleinen Verdacht nachgeht. Dass sie alles tut, was sie kann. Was sie immer getan hat, auch vor den Anschlägen von Paris.
Berlin hat Nerven
Mit einer Hysterie ist in Berlin ohnehin nicht zu rechnen, dafür sorgt die Stadt schon selbst. Berlin neigt nicht zur Panikmache. Im Gegenteil: Wahrscheinlich spazieren nirgendwo sonst Menschen so unbedarft an Straßenabsperrungen vorbei. Sie schütteln dann den Kopf, murmeln "Wat is denn dit wieder für'n Zirkus?" und gehen weiter.
Von der europaweit angesetzten Schweigeminute am Montag um 12 Uhr war auf dem Alexanderplatz nicht viel zu spüren, die Touristen tummelten sich lärmend wie immer. Im Görlitzer Park und in der Hasenheide picknicken im Sommer junge Leute völlig unbeeindruckt neben Drogendealern.
Berlin lässt sich nicht verrückt machen. So tickt Berlin nicht. Berlin ist zwar hektisch, fiebrig und laut, aber Berlin verliert nicht so leicht die Nerven. Und das sollten alle, die über Verspätungen und Staus jammern, auch nicht.
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