Noch werden in Deutschland von der überwältigenden Mehrheit andere Lieder gesungen, die keinem Menschen Angst einjagen, sondern jedermann einladen, mitzusingen in der Sprache der Humanität. Aber die Hassgesänge werden lauter, die Hasssänger immer brutaler. Sie behaupten, das „Lied der Deutschen“ zu singen – das ist einstweilen noch eine Lüge.
Noch ist nicht klar, ob das Bekennerschreiben zu den Anschlägen in Dresden echt ist, die Verbrechen also von linksextremen Tätern begangen worden sind oder von islamophoben Fanatikern, die über ihre Täterschaft zu täuschen versuchen.
Die Sprache der Gewalt
Aber unabhängig von der Frage, wer für die Attentate verantwortlich ist, manifestiert sich in ihnen der Klimawandel, der die bundesdeutsche Gesellschaft seit ein paar Jahren erfasst hat. Die Sprache der Gewalt wird auch in der extremen Linken gesprochen, aber gesellschaftsfähig haben sie die Petrys, Höckes, Gaulands und Bachmanns gemacht, die ihre militante Xenophobie als Kerngedanken christlich-abendländischer Leitkultur betrachten.
„Jeder kann sich mal im Ton vergreifen.“ Mit dieser Bemerkung hat die AfD-Vizechefin Beatrix von Storch ihr Angebot an die CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla begründet, in die AfD zu wechseln. Storch selber ist im Sich-Im-Ton-Vergreifen so erprobt wie kaum ein anderer. Unvergessen ist der Ton, den sie mit ihrer Äußerung setzte, zur Abwehr von Flüchtlingen dürften gegen Frauen und Kinder Schusswaffen eingesetzt werden. Ebenso unvergessen ist, dass sie später Kinder vom Schusswaffeneinsatz ausnehmen wollte – Kinder, also nicht Jugendliche, nicht Männer, nicht Frauen.
Die von Storch umworbene CDU-Abgeordnete hat sich in die Chronik xenophober Paranoia mit dem Sprüchlein eingeschrieben: „Die Umvolkung Deutschlands hat längst begonnen.“ Warum hat sich Kudla nach Ansicht von Storchs damit im Ton vergriffen? Weil sie sich damit begnügt hat, den nationalsozialistischen Begriff „Umvolkung“ zu verwenden und nicht zugleich angedroht hat, gegen unbewaffnete Jugendliche, Männer und Frauen – ausgenommen Kinder – zurückzuschießen?
Üble Beleidigungen enden in Angriffen
Der Ton macht die Musik. Der Ton: Es ist in Deutschland selbst in sich kulturell gehoben wähnenden Kreisen üblich geworden, Politiker – sofern es sich nicht um AfD-Funktionäre handelt – als „Volksverräter“ zu diffamieren und Journalisten zu bezichtigen, Agenten der „Lügenpresse“ zu sein. Die übelste Beleidigung nicht nur, aber vor allem dieser Berufsgruppen gilt als schick und angesagt, Einschüchterung und Bedrohung als unverfälschte deutsche Umgangsform.
Die Musik: Die Zahl rechtsextrem motivierter Angriffe auf Politiker und Journalisten ist in diesem Jahr emporgeschnellt. Unter den 813 Angriffen auf Politiker – davon allein 384 von rechten Tätern – fand sich alles, was von Fanatikern erwartet werden darf: 18 körperliche Angriffe, aber auch Brandstiftung, Volksverhetzung und Bedrohung. Seltener sind Angriffe auf Journalisten, aber von den in diesem Jahr gezählten 93 Vorfällen waren 54 rechtsextrem motiviert.
Der unbestrittene Experte im Sich-Im-Ton-Vergreifen heißt Henryk M. Broder. Der Bestsellerautor hat für die immer größer werdende Gemeinde islamophober Menschenfeinde in Deutschland eine ähnliche Bedeutung wie sie einst der französische Bestsellerautor Édouard Drumont (1844–1917) mit „La France Juive“ (Titel der deutschen Ausgabe: „Das verjudete Frankreich“) für die antisemitische Gemeinde Frankreichs hatte. In seinem islamophoben Bestseller „Hurra, wir kapitulieren!“ schrieb Broder, der mehr zum gesellschaftlichen Klimawandel beigetragen hat als die NPD, ganz richtig: „Es kommt nicht darauf an, was Bebel, Lassalle und Marx gemeint haben, sondern was Lenin, Stalin, Mao, Enver Hodscha und Walter Ulbricht daraus gemacht haben.“
Aus den Tönen, die die Vordenker der Linken seinerzeit angeschlagen haben, bestand die Musik, zu der ihre totalitären Schüler später in Gulags und Zuchthäusern aufspielen ließen. Der Ton, im dem sich die Storchs, Kudlas, Petrys, Gaulands und Broders vergreifen, findet sein Echo in Ausschreitungen gegen Moscheen und Migranten in ganz Deutschland.
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