Es ist jedes Mal dasselbe. Die Geduld der Sportfunktionäre und ihr Leidensvermögen werden einer zähen Prüfung unterzogen, bevor die Olympischen Spiele endlich losgehen. Klingen die Hymnen durch das Stadion und schleppen Athleten feierlich Fahnen herein, läuft die Show, von der Sportbosse träumen. Trubel übertönt Klagen über Betrug und Doping, die Schönheit der bunten Bilder kaschiert alle Prozesswellen um Startrechte. Die große Gaukelei Olympia prahlt mit Werten von Fairness und Sportsgeist, von Ausnahmeleistungen und Völkerverständigung.
Fans begeistern sich 17 Tage lang an Geschwindigkeiten und Unvergesslichkeiten, die die sportlichen Menschen aus allen Erdteilen zusammentragen und Kameras mit modernsten Mitteln übertragen. Dabei geht es zu wie bei Hans Klok, dem holländischen Zauberkünstler, nur eben nicht so ehrlich wie bei diesem. Das beginnt schon im Titel. Der Magier Klok nennt sich einen Illusionisten.
Tadellose Ethik oder nur noch nicht als Betrug enttarnt
Bei Olympia fällt das erst mit Verspätung auf. Die Feier ist längst vorbei, jeder Athlet daheim, jede Milliarde Euro vom Internationalen Olympischen Komitee gescheffelt, jede Träne der Verlierer getrocknet, wenn die Illusion nach und nach des Schutzes der Magie beraubt wird. Zurück bleiben die Erinnerungen an die zwischenmenschlichen Momente, die Olympia beschert, und die Enttäuschung über den Sport.
Es ist die Zeit, wenn neue Methoden in der Dopingbekämpfung die Entdeckung verbotener Stoffe in alten Proben gestattet, wenn Kronzeugen auftreten, weil sie sich mit ihrem Wissen ein besseres Leben heraushandeln können. Es ist die Zeit, in der die Siegerlisten neu geschrieben werden − in der Hoffnung, dass Athleten nachträglich aufrücken, die es dank ihrer tadellosen Ethik verdient haben und nicht nur, weil sie einfach noch nicht als Betrüger enttarnt wurden.
Das System schreit nach ehrgeizigem Doping
Selten hat eine Veranstaltung das so klar vor Augen geführt wie Olympias Winterspiele. Vor vier Jahren in Sotschi flog erst im Nachgang auf, mit welchen skrupellosen Mitteln die Gastgeber die große Sause missbraucht hatten für Siegerpropaganda. Selten ist Olympia so in die Lächerlichkeit gezogen worden wie von Russland. Und das blendet noch die große Wahrscheinlichkeit aus, dass anderswo in kleinerem Stile mit ähnlichem Ehrgeiz gedopt wurde.
Immer wieder drängt sich der Verdacht auf, das System schreie geradezu danach. Als neulich Journalisten vorführten, mit welcher Leichtigkeit sich Dopingbehälter manipulieren ließen, kam heraus, dass dies maßgeblichen Institutionen lange bekannt war – nur hatten alle geschwiegen, hatte keiner reagiert. Die Sponsoren und Fernsehsender zahlten dem IOC in der vergangenen Olympiade 5,5 Milliarden Euro; für den Antidopingkampf zahlen sie nichts. Das IOC seinerseits hat sich zu einem Sonderfonds für diesen Zweck durchgerungen. Es gibt zehn Millionen Dollar für bessere Forschung. Das ist lächerlich.
Den Kampf gegen das Doping besser vorgegaukelt
Das Erstaunliche ist, wie die Herren der Ringe aus Tradition damit durchkommen, ihren Kampf für ehrlichen Sport nur pro forma zu betreiben. Zwar lassen sie wohl nicht mehr wie früher mal zur Not verräterische Proben selbst verschwinden, doch signalisieren sie stets, dass sie sich als moralische Instanz nicht zuständig fühlen. Ihr Präsident Thomas Bach ist als Wirtschaftslobbyist ins Amt gekommen, weil er seine Fähigkeiten in der Vermarktung bewiesen hat. Mit der Drecksarbeit bei Skandalen mussten sich andere befassen.
Als etwa vor knapp 20 Jahren die Gewohnheit der ganz großen Korruption im IOC aufflog, opferte der damalige Präsident Juan Antonio Samaranch für die Aufräumarbeiten den aufstrebenden Kanadier Richard Pound. Später, als das IOC gezwungen war, den Kampf gegen Doping effektiver vorzugaukeln, wurde dieser zum ersten Präsidenten der neuen Welt-Antidoping-Agentur. Pound erwarb sich den Ruf eines unerbittlichen Aufklärers − was ihn unter den Funktionärskollegen so unbeliebt machte, dass er als Herausforderer Bachs keine Chance hatte.
Ernsthafter Kampf gegen Doping unterbleibt
Dieser Stil von Hinterzimmerabsprachen und Intrigen prägt die Kultur des IOC, unter ihrem Präsidenten Bach mehr denn je. Kritische Anfragen an die Pressestelle werden nicht von dieser, sondern von Juristen beantwortet. Rügt Pound bei der Vollversammlung den unterlassenen Ausschluss Russlands, muss er sich vom Plenum ins Achtung stellen lassen.
Wenn sich die Kratzer am Lack schon nicht vermeiden lassen, braucht Bach nur Leute, die beim Polieren helfen. Will man aus der Arbeit des Pragmatikers Bach eine Lehre ableiten, fällt die ernüchternd aus: Weil er ohnehin nicht zu gewinnen ist, unterbleibt der ernsthafte Kampf gegen Doping.
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