Ich kann die ganze Entwicklung des Kapitalismus mit der Sprache des Vierjährigen erklären. „Mami“, war sein erstes Wort, etwa mit eins, dann kam „meins“, dann lange nichts. Doch bevor er „Finanzkrise“ aussprechen konnte, hatte er alles Wichtige verstanden. Kürzlich sagte er: „Gib mir dein Geld.“ Wird man so geboren oder wird man so geprägt?
Natur oder Umwelt, die große Frage. Und wenn schon Vierjährige die wichtigste Regel des Spätkapitalismus kennen, ist es ein Wunder, dass der Sozialismus scheitern musste? Ein Freund schrieb, dass der Lieblingssatz seiner gut zweijährigen Tochter gerade „Wollen wir teilen?“, sei. Beide Eltern sind Sozialdemokraten, womöglich besteht da ein Zusammenhang.
Er rief mich „money“
Streng genommen war das erste Wort meines Sohnes gar nicht „Mami“, sondern „money“, ausgesprochen „ma-ni“. Das ist Englisch, die Muttersprache seines Vaters, und heißt „Geld“. Money, rief er seine Mutter, also mich. Es ist ein wenig seltsam, von seinem süßen Baby gerufen zu werden und immer „Geld“ zu hören. Und was sollten die Nachbarn im antikapitalistischen Kreuzberg denken? Wie oft habe ich mir gewünscht, wir würden zu Hause nicht Englisch, sondern Polnisch oder Chinesisch sprechen. Wer weiß schon, was Geld auf Chinesisch heißt.
Je besser mein Sohn sprechen lernte, desto mehr verstand er, das Prinzip Angebot und Nachfrage zu beeinflussen. Am Anfang war er noch mit Naturalien zufrieden, Milch, Brei, Obst. Doch dann wurde es komplizierter. Inzwischen redet er von morgens bis abends und keine Entscheidung kann getroffen werden, ohne dass er sie nachverhandelt.
Ein Meister im Verhandeln
„Fünf Minuten kannst du noch spielen, dann gehen wir zur Kita.“ – „Nein, zehn Minuten.“; „Du bekommst drei Gummibärchen.“ – „Ich möchte aber fünf.“; „Wir kaufen jetzt Croissants.“ – „Ich will aber auch einen Spritzkuchen.“ Wäre mein Sohn für den Brexit-Vertrag zuständig gewesen, hätte er wahrscheinlich auf Hot Wheels rasende Einhörner reinverhandelt.
Neulich bestand er darauf, dass er die 1-Euro-Münze aus dem Einkaufswagen behalten kann und machte dann Pläne, was er sich damit auf dem Flohmarkt kaufen kann. Als er einmal in der Kita gefragt wurde, welche Sehenswürdigkeiten er in Berlin kennt, sagte er „Lidl“.
„Gibt mir dein Geld“
Woher hat er das bloß? Sind es doch die Gene? Mein Schwiegervater ist Schotte, er hat sein Geld als Banker in London gemacht, wohnt in einem schicken Haus in der Grafschaft Devon. Er ist der Typ, der beim Abendbrot davon schwärmt, was für tolle Angebote es diese Woche wieder bei Aldi gibt. Kürzlich war mein Sohn zu Besuch in meinem Büro. Wir standen im Fahrstuhl, als auf einmal der Satz fiel: „Gibt mir dein Geld.“ Überrumpelt kramte ich in der Geldbörse.
Er nahm den kleinen Schein und marschierte zum Tresen des Cafés unten im Haus. Ich wartete an der Tür und beobachtete, wie er auf etwas in der Auslage zeigte und sich die Mitarbeiterin zu ihm beugte. Er kam zurück und trug stolz eine Tüte mit einem Franzbrötchen vor sich her. Ich habe zum ersten Mal kurz nach dem Mauerfall im Dezember 1989 in Hamburg ein Franzbrötchen probiert. Es war mit das Beste, was ich je gegessen hatte. Der Geschmack des Kapitalismus, süß, leicht scharf und ganz neu.
Sabine Rennefanz präsentiert ihr neues Buch „Mutter to go“ am 23. Januar um 20 Uhr bei Literatur Live im Pfefferberg Theater, Kartentelefon 030/ 93 93 58 555.
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