Kommentar zum Kita-Streik

Warum der Kita-Streik schon jetzt ein Teilerfolg ist

Kindergärten sind nicht nur zu Ganztagseinrichtungen geworden, sondern längst auch zu Stätten frühkindlicher Bildung. Finanzielle Angleichungen an Lehrergehälter sind überfällig. Die Kita-Erzieherin ist ein Teil der Familie geworden, der Streik rückt das endlich ins Bewusstsein. Ein Kommentar.

Martin Klesmann
4 Min

Wohin nur mit dem Kleinkind? Das fragen sich in diesen Tagen verzweifelt viele Eltern von Kita-Kindern. Die kommunalen Einrichtungen werden bundesweit bestreikt, und ein rasches Ende des Arbeitskampfes ist nicht in Sicht. Können die Großeltern aushelfen? Muss ich mir freinehmen? Können wir uns mit den Nachbarn bei der Kinderbetreuung abwechseln? Das sind so Eltern-Fragen. Dabei hat der massive Kita-Streik schon jetzt einen Teilerfolg erzielt. Viele scheinen plötzlich ganz genau zu wissen, welch wichtigen Dienst die Erzieherinnen und Erzieher tagtäglich an den Kindern und also auch an der Gesellschaft verrichten. Genau diese öffentliche Wertschätzung war es ja, die viele Kita-Erzieherinnen allzu oft vermissten.

Die allgemeine Betroffenheit zeigt, wie groß die Bedeutung von Kindertagesstätten inzwischen ist. Familiäre Lebensentwürfe, in denen beide Elternteile arbeiten, sind längst selbstverständlich, und viele Patchwork-Familien wüssten ohne Kita weder ein noch aus. Die Kita-Erzieherin ist ein Teil der Familie geworden, was nicht selten auch bedeutet, dass die Erzieher mehr mit den privaten Problemen der jungen Familien konfrontiert werden als ihnen lieb ist.

Dass die Erzieher und ihre Gewerkschaft jetzt eine Lohnerhöhung von zehn Prozent und eine andere tarifliche Eingruppierung durchsetzen wollen, ist nachvollziehbar. Und zwar aus zwei Gründen: Die Ansprüche an die Arbeit sind deutlich gestiegen. Es fehlt aber an qualifizierten Erziehern, die diese auch mit Freude und pädagogischem Geschick umsetzen können. Die Bezahlung erscheint vielen zu unattraktiv, verglichen mit dem, was zu leisten ist. Denn Kindergärten sind nicht nur zu Ganztagseinrichtungen geworden, sondern längst auch zu Stätten frühkindlicher Bildung. Viele Bundesländer haben eigene Bildungsprogramme für die Kitas in Kraft gesetzt. Demnach soll in den Kindergärten das Selbstbewusstsein der Kleinen gestärkt werden, sie sollen sich spielerisch die Welt der Sprache erschließen und gleichzeitig die Körperbeherrschung erlernen, zum Beispiel den versierten Umgang mit der Schere. Musikmachen und Zahlenspielereien sind vorgesehen, und selbst naturwissenschaftliche Experimente sind erwünscht.

Die Erzieher sind aufgefordert, das alles schriftlich zu dokumentieren und den Eltern in regelmäßigen Gesprächen Auskunft zu geben über die Entwicklung des Kindes. Rotznasen und Kinderpopos sind nebenbei zu säubern. Ein im buchstäblichen Sinn anspruchsvolles Versorgungsprogramm.

Doch die Kitas, von denen viele derzeit aufgrund des Rechtsanspruchs ab dem 1. Lebensjahr neu entstehen, finden nicht genug qualifiziertes Personal. Deshalb werden viele nicht voll ausgebildete Pädagogen eingesetzt – als Sozialassistenten, Aushilfen von der Zeitfirma oder Quereinsteiger, die der Erzieher neben der lärmenden Kinderschar dann noch anlernen soll. In den bisweilen frisierten Bildungs-Statistiken vieler Bundesländer werden auch diese Hilfskräfte auf den offiziellen Betreuungsschlüssel angerechnet. Kita-Leitungen müssen heute beinahe jeden Bewerber nehmen. Ein höheres Gehalt könnte helfen, diesen Beruf attraktiver zu machen und auch mehr Männer für ihn zu interessieren. Wieso muss ein Industriemechaniker so viel besser bezahlt sein, als jemand, der für Wohl und Unversehrtheit der ihm anvertrauten Kinder garantiert? Bei der Gehaltsfrage darf der Bund, der sich gern im Glanz einer Bildungsrepublik wähnt, die Kommunen und Länder nicht alleinlassen.

Die Erzieherinnen und Erzieher stehen unter einem gewaltigen Druck. Nachdem sich herumgesprochen hat, dass die frühkindliche Bildung von grundlegender Bedeutung für das spätere Erwerbsleben ist, wächst die elterliche Erwartungshaltung. Nicht selten wird das schlechte Gewissen der Eltern in Gestalt erhöhter Ansprüche an die Kitas ausagiert. Gleichzeitig soll die Kita Kindern aus sozial benachteiligten Familien Kenntnisse vermitteln, die sie zu Hause nicht hinreichend erhalten. Ferner sei auf häusliche Missstände zu achten. Mit diesen vielfältigen Erwartungen und Problemlagen, mit denen früher erst die Grundschullehrer zu tun bekamen, sehen sich nun schon die Erzieher konfrontiert. Ihr Berufsbild ähnelt immer mehr dem des deutlich besser bezahlten Grundschullehrers, und den zahlreichen akademisch ausgebildeten Erziehern mag das vorherrschende Gehaltsgefälle schon lange nicht mehr einleuchten. Deshalb sollte sich der Staat neben der zuletzt vielfach geäußerten symbolischen Anerkennung auch dazu durchringen, eine entsprechende Entlohnung nicht länger zu verweigern.

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