Ein winziges bisschen erinnert die Rotunde des ehemaligen Cafés ja wirklich noch ans alte Kranzler. Der Schriftzug ist noch da, eine Stummelversion der rot-weiß-gestreiften Markisen und die filigranen Streben in der Panoramaverglasung. Den Rest konnte man schon lange vergessen. Seit die Räume unter dem runden Dachaufsatz von einem Bekleidungshaus und einem Handyladen eingenommen werden, ist vom Café Kranzler nur das übrig, was beim Kaffee mit Sahnehäubchen das Häubchen ist.
Schön, dass es konserviert werden soll, um dem Denkmalschutz wenigsten häubchenweise Genüge zu tun, das große Ganze ließ sich ohnehin nicht halten. So großen Umsatz wie Urban Outfitters oder Mango mit Klamotten erzielen, macht man mit Himbeerkuchen nicht, von dem alte Damen so langsam wie satte Spatzen nippen.
Das mit den alten Damen ist andererseits auch so ein fragwürdiges Klischee. Das dreigeschossige Kranzler, zur letzten Jahrtausendwende geschlossen, war so widersprüchlich wie West-Berlin selbst. Zu Unrecht ist das Café in der Erinnerung dominiert von alten Tanten, tatsächlich war es eine Zeit lang ziemlich chic. Zusammen mit dem ehemaligen Bilka-Kaufhaus und der heute nur noch ulkig wirkenden Verkehrskanzel bildete es ein architektonisches Ensemble von Eleganz und Heiterkeit.
Es saßen viele Frauen darin, aber beileibe nicht nur alte. Viele jedoch mit Hüten und mit ganz eng anliegenden dünnen Handschuhen, die sie nach dem Platz Nehmen langsam auszogen und sorgfältig übereinander auf die Krokodilledertaschen legten.
Selbst den vielen wackeren Demonstranten, die ab 1967 mit dem Schlachtruf „Lasst den Kuchen, lasst die Sahne, nehmt euch eine rote Fahne!“ an den voll besetzten Tischen unter den Markisen vorbeizogen, ist das Kranzler inzwischen ein teure Erinnerung. Auch das allerdings nicht ganz zu Recht.
Denn viel schöner als das Kranzler war Mampes Gute Stube, ein paar Schritte den Kudamm herunter in Richtung Gedächtniskirche. Seit 1917 stand das Mampe an dieser Stelle. Geschlossen 1986 für Mövenpick (das wiederum McDonald’s weichen musste) war das Mampe die einzige Lokalität, die sich noch ein wenig von der Cafétradition des Neuen Westens bewahrt hatte.
Hell hinter der verglasten Veranda, schön verräuchert im Innern, konnte man sich dort immer noch Joseph Roth vorstellen, der hier am Roman „Radetzkymarsch“ gearbeitet hatte. Und so wie die Menschen sterben müssen, sterben irgendwann sogar ihre Kneipen und Cafés.
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