Es gibt eine Szene auf einer Party von Google-Mitarbeitern, die ziemlich aufschlussreich für die langfristige Strategie des US-Konzerns ist. Die Party fand 2002 statt, als Google nur eine Web-Suchmaschine und noch nicht an der Börse notiert war. Ein Journalist des US-Technologiemagazins Wired war damals auf der Party und gestand Google-Gründer Larry Page, dass er nicht verstand, was Google eigentlich vorhabe. „Oh“, soll Larry Page dem Journalisten zufolge geantwortet haben. „Eigentlich bauen wir eine künstliche Intelligenz.“
Zwölf Jahre später ist Google damit ziemlich weit vorangekommen. Wie weit, hat die am Freitag zu Ende gegangene Entwicklerkonferenz des Konzerns in San Francisco gezeigt. Man habe auf diesem Gebiet die besten Fähigkeiten weltweit, diagnostizierte Googles Vizepräsident Sundar Pichai auf der Konferenz und damit dürfte er recht haben: Googles Intelligenzmaschine entwickelt sich rasant. Sie wird das Smartphone deutlich smarter machen. Zugleich soll es uns schon bald nahezu unmöglich sein, unsere Daten dem US-Konzern noch vorzuenthalten.
Mit „Google Now“ hat Google längst einen persönlichen Assistenten entwickelt, dessen Fähigkeiten sich beständig erweitern.Auf Reisen warnt er bereits unaufgefordert, etwas früher aufzubrechen, um den Mietwagen noch rechtzeitig zurückgeben zu können, da sich inzwischen ein Stau gebildet hat. Nun hat Google angekündigt, den Assistenten noch mal massiv aufzubohren.
Wenn der Algorithmus vorausdenkt
„Now on Tap“, also „jetzt auf Knopfdruck“ nennt der US-Konzern die Funktion, die er gerade in San Francisco vorgestellt hat. Damit soll der Nutzer eines Smartphones mit Googles Android-Betriebssystem auf Knopfdruck zu jeder Zeit Zugriff auf einen intelligenten Assistenten haben, der versteht, was der Nutzer gerade sieht – und vorausahnt, was er als nächstes machen könnte.
Bekommt der Nutzer eine SMS der Mitbewohnerin, dass er unbedingt Kaffee mitbringen soll, versteht Google das Anliegen. Auf Knopfdruck bietet Google an, automatisch eine Erinnerung an den Einkauf zu erstellen, die erscheint, sobald man sich in der Nähe eines Supermarktes befindet. Hört man einen Song, kann man das Handy fragen, wer der Sänger ist, und bekommt die Antwort, ohne den Musik-Dienst zu verlassen.
Google kann das machen, da der Konzern eine Maschine gebaut hat, die ihr Wissen selbstständig erweitert, indem sie aus Beispielen verallgemeinert und Gesetzmäßigkeiten erkennt. Alles was sie dafür braucht, ist neben den Algorithmen und der monströser Rechenkraft, die sich im Laufe der Zeit in rasanter Geschwindigkeit verbilligt, Unmengen an Daten, um den Algorithmus zu trainieren.
Praktischerweise ist die Suchmaschine zugleich die perfekte Trainingsmaschine für Googles Intelligenz: Sucht man nach dem Bild eines Gewitters und klickt dann auf ein Bild, bringt man Googles Apparatur bei, wie ein Gewitter aussieht. Pro Tag führt Google über drei Milliarden Suchanfragen aus. Jede einzelne stärkt die Maschine.
Gezahlt wird mit persönlichen Daten
Google hat auf diese Weise ein sich selbst verstärkendes System geschaffen, das sich nun in immer mehr Google-Produkten wiederfindet. So hat der Konzern mit „Google Fotos“ in San Francisco gerade einen Bilddienst vorgestellt, bei dem Nutzer kostenfrei ihre Fotos hochladen können, so viele wie sie wollen.
Googles Algorithmen sind so weit trainiert, dass sie die Fotos nicht nur automatisch nach den fotografierten Personen ordnen können, zurückgehend bis zu ihrer Geburt. Man kann selbst nach bestimmten Situationen suchen. Die Bilder von einem stattlichen Gewitter über dem Tempelhofer Feld? Google kann sie in Sekundenschnelle hervorzaubern, da Googles Intelligenzmaschine gelernt hat, wie ein Gewitter aussieht.
Der Intelligenzmaschine von Google wohnt ein egalitäres Moment inne: Der Dax-Konzernchef hat den gleichen Zugriff auf sie wie die Reinigungskraft, die seinen Schreibtisch poliert. Beide zahlen allerdings auch in der gleichen Währung: mit ihren Daten. Das ist der Deal: Nur wer dem Konzern seine Daten überlässt, Bilder und E-Mails, kann von der Intelligenz profitieren, die umso anziehender wird, desto mehr Daten wir ihr überlassen.
Bislang nutzt Google diese Daten, um den Nutzern gezielte Werbung einzublenden. Doch je stärker Googles Intelligenzmaschine wird, desto anziehender dürfte es werden, mit dem viel lukrativeren Vorhersage-Geschäft Geld zu verdienen: Versicherungen. Dann könnten sich all die kostenfreien Dienste eines Tages als sehr, sehr teuer erweisen – mit sehr unterschiedlichen Folgen für den Dax-Konzernchef und die Reinigungskraft.
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