Die Verwendung eines Titels von Heinrich Heine für einen sportlichen Glücksmoment war stets ein wenig verstörend. Brachte Heine in seinem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ auf bitter-ironische Weise sein Leiden an seinem Land zum Ausdruck, so geschah die fröhliche Übernahme des Titels durch erfolgreiche Handballer aus Momenten des Überschwangs.
Es ist genau zehn Jahre her, dass die Spieler ihres legendären Trainers Heiner Brand bei der WM im eigenen Land überraschend den Weltmeistertitel errangen. Die literarisch inspirierte Namensgebung hatte denn auch nichts mit Heine zutun. Eher war es ein Verweis auf die besserverdienenden Fußballkollegen, die ihre heimische Turnierteilnahme ein Jahr zuvor als Sommermärchen empfunden hatten.
In diesen Tagen wird in Frankreich wieder Handball gespielt, aber ein gefühliges Wintermärchen wird daraus kaum entstehen. Das liegt nicht am sportlichen Geschehen. Ein erfolgreiches Abschneiden kann man den deutschen Spielern durchaus zutrauen. Erstmals aber werden die Spiele nicht wie üblich von den herkömmlichen Fernsehsendern übertragen. Weder die öffentlich-rechtlichen noch ein privater Sender haben ein Übertragungsrecht erhalten. Wer Bilder von den „Bad Boys“ sehen will, muss sich auf die Suche nach einem Livestream machen, den der umtriebige Sportsponsor, die Deutsche Kundenkreditbank (DKB), bereitstellt. Authentische Bilder statt journalistischer Vermittlungsversuche.
Nischenprogramm für großes Publikum
Jenseits der komplizierten Verhandlungen über den Erwerb von Rechten und Lizenzen markiert diese Handball-WM einen Paradigmenwechsel in der langen Verbindung von Fernsehen und Sport. Noch versucht man es als singuläres Ereignis darzustellen. Die DKB sei nur eingesprungen, heißt es – eine Notlösung. Längst aber hat sich jenseits der großen Sportübertragung eine Praxis etabliert, die auch ohne aufwendige Übertragungstechnik bewegte Bilder von Sportereignissen frei Haus liefert.
Unter dem Begriff Livestream ist seit einer Weile eine neue Kulturtechnik zu verstehen. Bilder zirkulieren in unbegrenzten Mengen, mal bis zur Unkenntlichkeit verwackelt, mal sorgfältig und in HD-Qualität inszeniert. Dahinter entstehen in rasendem Tempo neue Geschäftsmodelle, mit denen allerhand findige Akteure an dem Bilderhandel partizipieren möchten.
Für Kunst- und Sportfreunde muss das kein Nachteil sein. Plötzlich wird für ein großes Publikum sichtbar, was bislang oft nur als Nischenprogramm daherkam. Kleine Sportverbände etwa, die sich eher verzweifelt und meist vergeblich um ein bisschen mediale Aufmerksamkeit bemüht haben, finden nun mühelos ihr Zielpublikum.
Aber man kann den Kampf um Aufmerksamkeit auch verlieren. Das Gefühl, ein Wintermärchen geschaffen zu haben, ereignete sich bei den Handballern 2007 ja keineswegs allein auf dem Spielfeld. Die Gunst des Augenblicks flog den Spielern um Oliver Roggisch und Henning Fritz erst zu, als sie von Spiel zu Spiel plötzlich auch das Interesse jener weckten, die mit Ortsnamen wie Dankersen und Melsungen bestenfalls diffuse Eindrücke aus der deutschen Provinz assoziierten.
Präzise Algorithmen
Andererseits sind Spielerpersönlichkeiten wie Erhard Wunderlich und Joe Deckarm bei Älteren vor allem deshalb noch in Erinnerung, weil es eine anhaltende und begleitende Sportberichterstattung gab, die über den bloßen Bildertransport hinausging. Die Helden der Sportgeschichte waren seit jeher eben auch Bewohner eines kollektiven Gedächtnisses, das keiner Expertise bedurfte. Das Handball-Wintermärchen von 2007 jedenfalls war ein gemeinschaftsbildender Moment, der in der zerstreuten Welt, in der man streamt und klickt, nicht ohne weiteres herstellen lässt.
Schon möglich, dass das bereits eine verklärende Einschätzung ist. Von den jederzeit verfügbaren Bilderströmen geht auch eine hohe Emotionalität aus, die nicht nur den Sport verändert. Wer schon mal einen Hit aus seiner Jugend im Internet gesucht und abgespielt hat, erhält inzwischen prompt eine ganze Videothek weitere Erinnerungsstücke, die zum Schwelgen und Abschweifen einladen.
Und die Algorithmen liefern inzwischen derart präzise, dass man immer wieder verblüfft eingestehen muss, dass der individuelle Geschmack ziemlich gut getroffen ist. Das Gefühl der Freiheit, sich durch die Welt zu streamen, wie es einem gefällt, wird allerdings längst begleitet durch das Unbehagen, dass diese Freiheit eine letzte Illusion ist, die uns die Kontrolleure der großen, weiten Bilderwelt noch gestatten.
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