Stasi und Mielke – das hat Gruselpotenzial. Weniger natürlich als der Führer, dessen unsichtbarer Bunker in der Nähe des Holocaust-Mahnmales nicht enden wollende Ströme von Touristen aus aller Welt anlockt. Aber Stasi geht auch. Warum also nicht ein Stasi-Städtchen am authentischen Ort?
Roland Jahn, Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, hatte vor Jahren die Idee, in dem auch städtebaulich gruseligen Komplex an der Normannenstraße einen „Campus der Demokratie“ zu errichten, der alle Einrichtungen bündelt, die sich diesem Teil der DDR-Geschichte widmen: die Stasi-Unterlagen, Museum, Bibliothek, Informationszentrum, Veranstaltungsräume. Sicherlich gestaltet sich die Beschäftigung mit dem Thema in jenen Gebäuden, wo das Spitzeln und Einschüchtern erdacht und gesteuert wurde, besonders intensiv.
Verführerische Seiten autoritärer Systeme
Mielkes Büro haben schon 100.000 Besucher angeschaut, manche haben im Piefigen das Ernste erkannt, manche machten sich vor allem lustig. Die spezifische Mischung, die die DDR ausmachte, das Freundlich-Fürsorglich-Vormundschaftlich-Repressive erfahrbar zu machen, wäre eine große Aufgabe. Ob das jetzt schon gelingt?
Wenn, wie vom Bundestag beschlossen, die Stasi-Unterlagen bis Herbst 2021 in die Bestände des Bundesarchivs eingegangen sein werden, die Dokumente unter bester fachlicher Verantwortung weiter der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, erreicht deren Nutzung eine neue Stufe: Die Historisierung schreitet voran. Die untergegangene DDR und ihre Machtorgane werden Geschichte. Umso wichtiger wird es, dass junge Leute mit vagen Vorstellungen vom Arbeiter- und Bauernstaat sich ein Bild vom Funktionieren autoritärer Systeme machen können – auch von deren verführerischen Seiten, wie der sozialer Gleichheit. SPD, Grüne, Linke, CDU und FDP unterstützen die Idee des Campus als Ort des Lernens. Also sollte die Umsetzung doch endlich gelingen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de