Kommentar zur Wahl

Berlin ist wieder eine geteilte Stadt

Michael Müller muss auch Bürgermeister für die AfD-Wähler sein.

Brigitte Fehrle
3 Min

Es galt nicht mehr und nicht weniger, als eine Systemgrenze zu überwinden. Berlin war geteilt. Aber voller Hoffnung. Und es ist den verantwortlichen Politikern der 90er-Jahre zu verdanken, dass Berlin zu innerem Frieden fand. Und der ersten Generation der Linken-Politiker ist es zu verdanken, dass aus dem Kampf zweier Systeme ein Wettbewerb um linke Positionen in der Demokratie wurde.

Die Stadt ist politische zerklüftet

Wir lebten in einer Art Einbildung von Berlin als einer Stadt, in der jeder nach seiner Façon selig werden kann. In der ein manchmal besser, manchmal schlechter funktionierendes Leben und Leben lassen herrscht. In der es ein paar wenige gefährliche Rechtsradikale gibt und ansonsten die Akzeptanz von Andersdenkenden die Stimmung beherrscht.

Mit der Wahl vom Sonntag ist eine neue, gefährliche Grenze in Berlin gewachsen. Die Grenze der Intoleranz. Berlin ist geteilt. Nein, wir haben gemerkt, dass es vielleicht immer geteilt war. Es ist geteilt in Wahlbezirke und Stadtteile, die mit Verständnis und Geduld auf die Schwierigkeiten der Zeit reagieren.

Und andere, bei denen Ablehnung, Wut und Hass bestimmend sind. Die Mauer steht nicht nur, aber auch an der ehemaligen Systemgrenze. Wer sich die farbig markierten Wahlkarten anschaut, der sieht, dass die Stadt politisch zerklüftet ist. Es sind die Stadtteile im Nordosten und Südosten, in denen die AfD stärkste Partei geworden ist. In Blankenfelde hat sie sagenhafte 37,2 Prozent erreicht.

Es sind Wahlkreise im ehemaligen Osten, in denen die AfD fünf Direktmandate gewonnen hat. Die AfD, ein Ostphänomen? Jedenfalls fällt auf, dass im Westen die Wahlergebnisse für die Rechtspopulisten im Durchschnitt deutlich niedriger sind. Offenbar verfängt die einfache Wahrheit der Rechtspopulisten gegen die da oben und die Flüchtlinge im ehemaligen Osten rasanter als anderswo.

Wegen AfD nicht die Nerven verlieren

Berlin ist also wieder geteilt. Nicht in Ost und West, aber in eine Toleranz- und eine Intoleranzzone. Und die Suche nach einer Antwort auf diesen Rechtsruck ist nach den mittlerweile zehn Landtagswahlen, in denen es die AfD deutlich über die Fünfprozenthürde geschafft hat, nicht leichter geworden. Die Kanzlerin hat am Montag angefangen, eine Geschichte des „Wir haben verstanden“ zu erzählen.

Wer hat diese Aufgabe in Berlin? Allen voran natürlich der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Er muss auch der Regierende Bürgermeister der AfD-Wähler sein. Aber was heißt das? Das heißt, nicht die Nerven zu verlieren. Gegen die AfD hilft kein spezielles Kraut. Es ist die Medizin, die alle Wähler brauchen. Ehrliche Politik, tun, was man sagt, fairer Umgang mit politisch Andersdenkenden. Man wird AfD-Anhänger, die aus Überzeugung rechts wählen, nicht zurückgewinnen. Menschen, die eine repressive Gesellschaft wollen, kann man nicht von einer Toleranzkultur überzeugen. Man kann aber diejenigen gewinnen, die der Politik nicht mehr trauen.

Es wird die Aufgabe aller gewählten Politiker sein, diese neue Spaltung der Stadt aufzuhalten und zu heilen. Da führt kein Weg an einer kühlen demokratischen Auseinandersetzung vorbei. Das sollte er bei aller komfortabler linker Mehrheit in der möglichen neuen Regierung nicht vergessen. Selbstbeschäftigung und Selbstgenügsamkeit wäre jetzt Gift. Und in Abwandlung eines anderen historischen Berlin-Zitats kann man sagen: Regierende dieser Stadt, schaut auf Euer Volk!

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