Gratulation

Konrad Knebel: Maler der Zwischenzeit

Konrad Knebel sorgt mit seinen ikonischen Häuserbildern des alten Ost-Berlin für unser Erinnern. Heute wird er 90.

4 Min
Der Jubilar Konrad Knebel im Atelier in einem alten Gründerzeithaus, Bötzow-Viertel, Prenzlauer Berg

Der Jubilar Konrad Knebel im Atelier in einem alten Gründerzeithaus, Bötzow-Viertel, Prenzlauer Berg

© imago/Rolf Zöllner

Es gab einmal eine Zeit, da wussten wir Ost-Berliner beim Anblick eines abgewohnten alten Häuserzuges, eines einst imposanten alten Eckhauses mit Kneipe unten drin oder einer fleckigen Brandmauer ziemlich genau, wo wir uns gerade befanden. Damals war das heute in den dringlichen Wohnungsbauplänen wieder als effiziente Möglichkeit diskutierte DDR-Plattenbauprogramm an diesen Stellen noch nicht angekommen. Die markantesten Anblicke der Vergänglichkeit alles Irdischen auch im preußisch-gründerzeitlichen Bauwesen boten Prenzlauer Berg und die Fassaden von Mitte-Nord.

Das war sozusagen auch die Topografie des aus Leipzig stammenden Malers Konrad Knebel. Er selbst lebt schon eine gefühlte Ewigkeit in einem solchen alten Haus mit Stuckdecken im Berliner Bötzow-Viertel. Und wenn er heute, an seinem Neunzigsten, allem Trubel abhold zwischen seinen noch nicht in Museen oder private Sammlungen gewanderten Bildern sitzt und ein bisschen sinniert, wird ihm der eine oder andere Gratulant dankbar versichern, dass er mit seinem herben Tempera/Öl-Farbenmix ein Stück Berliner Historie bewahrt hat. Ruppig, herb, nachdenklich und ein wenig melancholisch. Eine Stadtwelt, die es seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr gibt.

Eckhaus, Prenzlauer Berg, 1980er-Jahre

Eckhaus, Prenzlauer Berg, 1980er-Jahre

© VG Bildkunst Bonn 2022/Konrad Knebel/be.bra verlag

Im Ost-Berlin der Mauerzeit hatten die Mietskasernen vom Krieg gezeichnete Gesichter. Und Biografien, die dem Zahn der Zeit irgendwie trotzten, die auch Mangel, Vernachlässigung und Verwahrlosung überstanden hatten. Ganze Häuserzüge riefen förmlich nach den heilenden Händen der Bauleute und raren Handwerker. Manche Wände wirkten wie skelettiert, die einstigen Balkons wegen Absturzgefahr abgerissen.

Knebels alte Fassaden der Nachkriegs-und Vorwendezeit sind hohlwangig, mit tiefliegenden matten Augen. Sie tragen Pflaster und verlaufene Schminke, Risse und Runzeln. Manche Häuser malte er, kurz bevor die Abrissbirne anrückte. Und er bewahrte auf Leinwand die zwischen Wohnhäuser eingebauten einstigen Fabriken. Knebel hatte mit dieser Art Malerei ein Alleinstellungsmerkmal. Da ihn die Kulturhüter für seine hochkultivierte Malerei, die aus genauester Beobachtung entstand, irrtümlicherweise für einen Chronisten hielten, geriet er nicht unter Verdacht, politische Kritik am DDR-Sozialsystem zu üben. Man ließ ihn malen.

Besetztes Haus, 1990er-Jahre

Besetztes Haus, 1990er-Jahre

© VG Bildkunst Bonn 2022/Konrad Knebel/be.bra verlag

Er malte Ikonen des Verfalls. Jedes Hausmotiv, jeder Straßenzug ist immer auch ein Geschichtsexkurs. Diese porösen Fassaden, die nackten Stellen, unter denen Ziegel hervorscheinen, das verwaschene, fast zärtlich-wehmütige Color sind die Bildsprache eines Ästheten. Bei ihm spannt sich der verwitterte Putz wie pergamentene Haut, sodass man darunter gleichsam das vor über hundert Jahren gemauerte Hausgerippe zu sehen glaubt. Knebel sagt, vor 1990 hab es mehr Motive dieser Art gegeben, als er überhaupt hätte malen können. Es sind Porträts steinerner Zeitzeugen, in denen sich Verfall zeigt – und Neues andeutet. Weder Nostalgie noch Sozialkritik legte er hinein, eher die immer wieder von neuem begonnene Suche nach der Würde des Alten, Verschwindenden.

Als Knebel 2009 den Hanna-Höch-Preis der Stadt Berlin bekam, benannt nach der großen Dada-Malerin der 1920er-Jahre, waren die Motive der alten maroden Häuser längst rar geworden in der Sanierungshauptstadt der Welt. Da nannte der Laudator Knebel den „Canaletto von Prenzlauer Berg“, verglich ihn mit dem Venezianer Canaletto, dem Veduten-Maler des barocken Dresdens, das 1945 im Bombenhagel in Schutt und Asche fiel. Damals sagte der Geehrte: „Berlin verändert sich. Für Sentiment und Melancholie ist keine Zeit.“ Und er erinnerte an andere Berliner Häuser-Maler, denen er sich nahe fühle: Hans Baluschek, Otto Nagel, Gustav Wunderwald, Werner Heldt und seinen Grafiker-Kollegen Manfred Butzmann.

Knebel sieht sich als Maler der Zwischenzeit, der in seinen melancholischen Farben unterm silbrigen Berliner Licht, das, wie er meint, durch den Wasserdunst der vielen Seen und Flüsse rundum zustande komme, die entschwindende Zeit festhält, derweil sich das steinerne Stadtbild gravierend verändert. Diese „Zwischenzeit“ ist festgehalten in einem Bildband des be.bra verlags, herausgegeben von Knut Elstermann.

Verlassene Fabrik, 1990er-Jahre

Verlassene Fabrik, 1990er-Jahre

© VG Bildkunst Bonn 2022/Konrad Knebel/be.bra verlag

So kam auch zwischen zwei Buchdeckel das, was von Berlins Osten bleibt, im Vergehenden. Typisch für Knebels Stil ist diese tonige Abstufung von Form, Fläche, Farbe. Radikal unterbricht er die Festigkeit der Linien, schafft Spannung zwischen genauen Details und rhythmischer Flächenkomposition. Jedes Haus ist ein Stillleben vom Ende, das eines neuen Anfangs harrt. Womöglich schon bald wird das durchsanierte und in weiten Teilen auch durchgentrifizierte östliche Berlin solche Bilder sehr nötig haben. Sie garantieren das Erinnern.

Geburtstagsschau für Konrad Knebel in der Galerie Sandau & Leo, Tucholskystr. 38, ab 3. März bis 23. April, Di.–Sa. 12–18 Uhr.

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