Konzert Placebo

Nasaler Powerrock mit Brian Molko

Placebo spielten in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, mit wenig Pomp, dafür umso mehr Punk, Glamour und Rock. Die Halle bekamen sie allerdings nicht ganz voll.

Markus Schneider
3 Min
Brian Molko beim Berliner Konzert.

Brian Molko beim Berliner Konzert.

© ROLAND OWSNITZKI Lizenz

An ihrem hellen Quäken sollt ihr sie erkennen. Noch in den austauschbarsten Momenten, noch für den bandfernsten Gelegenheitshörer wirkt Brian Molkos Stimme als unverwechselbare Signatur seiner Gruppe Placebo. Vor 17 Jahren hat sie ihr erstes Album veröffentlicht, aber Molkos melancholisch quengelnder Gesang steigt auch am Donnerstag in der einigermaßen gefüllten Mehrzweckhalle am Ostbahnhof unverändert signalhaft in die Höhe, als Placebo ohne weitere Begrüßung mit „B3“ ihr Konzert beginnen.

Molko kontrastiert dabei recht einleuchtend den lauten, schnellen, bollernden, mit ein paar elektronischen Effekten rhythmisch und atmosphärisch aufgepumpten Sound der ersten Titel: ein stadion- und mehrzweckhallendienlicher Powerrock, der mit Glam-, Punk- und Industrialmotiven ausgeschmückt und ab und zu mit zartbeseelten Pianolinien betrübt wird.

Einst traf die Band damit tief in die Herzen der Teenager, deren Unsicherheiten und wehe Wachstumssorgen sie mit einem sympathisch offensiven, frei flottierenden Geschlechterrollenkonzept aufgriff. Wie die mit weichen Fuzzfransen verzierten Gitarrenriffs erinnerte auch die Inszenierung an frühe Glammeister wie Bowie und Bolan.

Molko verlängerte seine kajaläugige, androgyne Erscheinung in die öffentliche Bisexualität, Osdal wiederum war „einfach nur schwul“. Man besang schnellen Sex und alle menschheitsbekannten, von der Band ausdauernd getesteten Drogen; auch wurden interessante Instrumente wie der „Evil Dildo“ thematisiert und adoleszenztypische Zustände in „Scared of Girls“ und „Teenage Angst“.

Mit "Every You Every Me“ das Publikum gewonnen

Letzterer Titel gehörte, wie auch das fast fröhliche Mitsinglied „Special K“, worin Molko das Objekt seines Begehrens mit dem seinerzeit beliebten Veterinärnarkotikum Ketamin vergleicht, zu den effektvollsten, ja nachgerade sexiesten Stücken. Denn der Auftritt wurde zu einem soliden Teil mit Songs aus dem neuen Album „Loud Like Love“ bestückt.

Dessen prägnantester Titel „Too Many Friends“ beginnt mit den Acapella-Zeilen „my computer thinks I’m gay/ I threw that piece of junk away/ on the Champs Elysees“, womit der mittlerweile alleinerziehende Vater Molko ein arg erwachsenes Social-Media-Gejammer über zu viele Freunde einleitet.

Vielleicht waren die Gazewände, von denen die Band sich gelegentlich von allen Seiten aquariumsmäßig einkasteln ließ, ein Ausdruck dieses Überdrusses. Andererseits bekam so die insgesamt inspirierte, schön psychedelische Lichtdramaturgie – einziger Bühneneffekt neben dem nackigen Oberkörper des Drummers – noch einen zusätzlichen Kick.

Natürlich hatten sie das Publikum spätestens mit dem zagenden Großhit „Every You Every Me“ lauthals an der Seite, und übrigens steht dem Gesang Brian Molkos der alte Kate-Bush-Gassenhauer „Running Up That Hill“ zur Zugabe sehr gut. Über weite Strecken wirkte die Performance jedoch bei allem Druck recht routiniert und nüchtern, und das einzige, was sich aus dem kompakten Rock erhob, war Molkos plinsendes Nasal.

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