Als Sie Ihr Debütalbum veröffentlicht haben, wurden Sie oft als Fräuleinwunder oder Mädchenband abgetan. Fühlten Sie sich nicht richtig ernstgenommen?
Sonja Glass: Natürlich bin ich mit 38 kein Mädchen mehr, sondern eine Frau. Ich möchte nicht als süß abgetan werden, weil das unseren Songs nicht gerecht wird. Andererseits lohnt es sich nicht, sich über solche Kategorisierungen aufzuregen. Schließlich wissen wir genau, wer wir als Musikerinnen sind und was wir machen.
Valeska Steiner: Genau. Rein gesellschaftspolitisch betrachtet muss man sich allerdings schon fragen, warum solche Klassifizierungen überhaupt existieren.
Glass: Wenn zwei Männer miteinander Musik machen, gilt das auch nicht als niedlich. Keiner urteilt bei dem norwegischen Duo Kings of Convenience: „Oh, wie herzig, dass die beiden Jungs zusammen singen.“
Die Schweizerin Valeska Steiner, 29, und die Deutsche Sonja Glass, 38, haben sich 2005 beim Popkurs der Hochschule für Musik und Theater kennengelernt. 2007 gründeten sie ihre Band Boy, ihr Debütalbum „Mutual Friends“ stieg 2011 in die Top Ten der deutschen Albumcharts ein, mit „Little Numbers“ hatten sie einen internationalen Hit. Ihre zweite CD „We were here“ ist kürzlich erschienen.
Hat Sie diese Diskriminierung in eine Schreibblockade gestürzt, als Sie an Ihrer zweiten CD „We were here“ gearbeitet haben?
Glass: Wir steckten eher in einer kreativen Tiefphase, in der wir das Gefühl hatten: Es passiert nichts. Egal was wir geschrieben haben: Es hat uns nicht so richtig gefallen. Ich glaube, solche Momente kennt jeder Kreative. Wenigstens mussten wir sie nicht allein durchstehen. Wir konnten uns gegenseitig anfeuern.
Dennoch haben Sie darüber nachgedacht, die Flucht zu ergreifen.
Steiner: Kurzfristig stand die Idee im Raum, nach New York zu fliegen. Wir hatten die Hoffnung, in dieser spannenden Stadt neues Input zu kriegen. Aber dann sind wir lieber in Hamburg geblieben und einfach mal mehr vor die Tür gegangen.
Glass: Wir haben die Augen für das geöffnet, was in unserem nahen Umfeld passiert.
Steiner: Daraus ist das Lied „New York“ entstanden. Es handelt von Zuhause, von Freundschaft, von Inspiration.
Warum wollten Sie sich in der Ferne inspirieren lassen? Eine Metropole wie Berlin ist doch auch interessant.
Glass: Ich mag die Stadt vor allem im Sommer. Kulturell passiert dort super viel. Und es gibt jede Menge tolle Cafés, Bars und Restaurants.
Wieso ziehen Sie nicht nach Berlin?
Glass: Das war nie eine Option für uns. Die Winter finde ich in dieser Stadt sehr hart. Auch sonst kann sie anstrengend sein. Darum ist es für uns am besten, wenn wir nur ab und zu dort sind.
Ihr Labelchef Herbert Grönemeyer wohnt zumindest zeitweilig in Berlin. Mischt er sich dauernd in Ihre Musik ein?
Glass: Nein. Aber er interessiert sich wirklich für uns und war schon bei unseren Konzerten.
Steiner: Er ist eben jemand, der seinen Künstlern auf Augenhöhe begegnet.
Gibt es wirklich keinen Druck von Ihrer Plattenfirma? Sie hat bestimmt einen weiteren Hit à la „Little Numbers“ eingefordert.
Steiner: Zum Glück arbeiten wir mit ganz wunderbaren Leuten zusammen, die uns unsere Freiheit lassen. Sie haben gesagt: „Macht, was ihr wollt. Ihr müsst nicht versuchen, ‚Little Numbers‘ zu reproduzieren.“
Das klingt nach totaler Harmonie. Dabei trennen Sie fast zehn Jahre. Bringt nicht allein der Altersunterschied manchmal Spannungen mit sich?
Glass: Als ich Valeska kennengelernt habe, war sie gerade 19. Klar fand ich sie jung. Auf der anderen Seite hat mich die Qualität ihrer Texte überrascht. Inzwischen sind wir eh auf einem Level. Ich fühle mich überhaupt nicht älter als Valeska.
Brauchen Sie trotzdem hin und wieder Abstand voneinander?
Glass: Nicht bewusst. Wenn Valeska in der Schweiz ist, sehen wir uns nicht. Dafür telefonieren wir dauernd, wir sind ständig im Austausch miteinander. Nachdem unsere zweite Platte fertig war, sind wir sogar gemeinsam in den Urlaub gefahren.
Steiner: Wir sind halt Freundinnen.
Heißt das, die eine kommt gar nicht mehr ohne die andere zurecht?
Steiner: Selbstverständlich hat jede von uns ihren eigenen Freundeskreis. Denn wir brauchen auch mal andere Einflüsse von außen. Aber letztlich ist es ein Segen, dass wir so gern Zeit miteinander verbringen.
Das Interview führte Dagmar Leischow.
Boy, Montag, 23. November, 20 Uhr, Tempodrom, Kreuzberg. Karten gibt es ab 28,55 Euro.
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