Konzerte in der Philharmonie: Vor sich hintollende Musiker

Beruhigende Nachricht für alle, die um die Spielfähigkeit des Ensembles fürchteten nach all den Mutmaßungen über einen Riss, der sich durch das Orchester ziehe: Nein, es sitzen sich keine zwei feindlichen Hälften auf dem Podium gegenüber und es ist auch nicht so, dass ein Teil des Orchesters extra einen Schlag später spielen würde als der andere. Es klappert an diesem Donnerstagabend zwar immer wieder ganz ordentlich im Zusammenspiel, das hat aber eher mit dem Dirigenten Paavo Järvi zu tun, der den Musikern viele Freiheiten lässt, sie aber nicht immer zur äußersten Konzentration verleiten kann. Hinzu kam, dass die Probenzeit kürzer war als sonst. Am Dienstag trat man ja auch noch beim Festakt auf zur 50-Jahr-Feier des diplomatischen Austausches zwischen Israel und ...

BLZ
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Berlin - Beruhigende Nachricht für alle, die um die Spielfähigkeit des Ensembles fürchteten nach all den Mutmaßungen über einen Riss, der sich durch das Orchester ziehe: Nein, es sitzen sich keine zwei feindlichen Hälften auf dem Podium gegenüber und es ist auch nicht so, dass ein Teil des Orchesters extra einen Schlag später spielen würde als der andere. Es klappert an diesem Donnerstagabend zwar immer wieder ganz ordentlich im Zusammenspiel, das hat aber eher mit dem Dirigenten Paavo Järvi zu tun, der den Musikern viele Freiheiten lässt, sie aber nicht immer zur äußersten Konzentration verleiten kann. Hinzu kam, dass die Probenzeit kürzer war als sonst. Am Dienstag trat man ja auch noch beim Festakt auf zur 50-Jahr-Feier des diplomatischen Austausches zwischen Israel und Deutschland.

Ansonsten überwiegt in diesem Konzert der leichte Ton, der gerade von den Bläsern mit nahezu aufreizender Spielfreude präsentiert wird. Fast so als wolle man das Politikum vom Montag demonstrativ weit hinter sich lassen. Das Programm des Abends streift gedanklich schwere Dinge auch eher am Rande: Schostakowitschs 1. Symphonie, der geniale Wurf eines 20-jährigen, klingt im langsamen Satz zwar schicksalsschwer, am Ende bleibt aber doch der überbordende Ideenreichtum und die Verspieltheit der übrigen Sätze in Erinnerung.

Luft der Verspieltheit

Paavo Järvi lässt die Musiker meist heiter vor sich hintollen und strafft doch immer wieder seine Haltung, um plötzlich höhere Spannung ans Orchester zu legen. Dann rumpelt und kracht es im Gebälk der Streicher, man hat da recht deutlich das Gefühl, dass Järvi mit festem Griff ans Klangherz des Ensembles fasst. Die Entspannung ins Heitere folgt meist unmittelbar.

Solches Gespür für den Wechsel zwischen Hochspannung und Leichtigkeit macht Paavo Järvi auch zu einem der gegenwärtig herausragenden Schumann-Dirigenten: Schumanns „Symphoniette“, die als „Ouvertüre, Scherzo und Finale“ op. 52 zur Uraufführung kam, hat unter seiner Leitung charmante Schwerelosigkeit, ohne dass in Vergessenheit geriete, dass unterschwellig immer ein wehes, verletztes Herz pocht.

Mitten dazwischen ein kantiger Koloss, um den ebenfalls die Luft der Verspieltheit weht – wenn auch einer sehr rauen, kultig-barbarischen: Prokofjews zweites Klavierkonzert. Die chinesisch-amerikanische Pianistin Yuja Wang debütierte mit diesem grässlich schweren Stück beim Orchester und tat es mit nahezu unheimlicher Souveränität.

Die absurd virtuose, donnergrollende Kadenz am Ende des ersten Satzes meistert sie mit raubtierhafter Bissigkeit, bei den treffsicher gelandeten Sprüngen in rechter und linker Hand zu Beginn des Schlusssatzes möchte man auf polypenhafte Vielarmigkeit schließen. Dass das auch Mühe macht, verbirgt Yuja Wang nicht, man sieht sie arbeiten, hört sie fauchen und vernimmt auch, wie schön sie die Farben wechseln kann, vom perkussiven Krachen hin zu Klängen, die aus weiter Ferne zu kommen scheinen. Tatsächlich: Yuja Wangs Spiel strahlte noch stärker als die weiße Glitzer-Plastiktüte, in die sie sich zur Feier des Tages eingewickelt hatte. Hauteng.

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