„Mit Pauken und Trompeten haben sie die Jungs damals verabschiedet, in der Kaserne in Marienberg“, erzählt Udo Horn. „Sie gingen in den Kosovo, Kfor, im November 1999.“ Die ganze Truppe war vorher schon mal in Bosnien im Auslandseinsatz gewesen. „Und der André wollte noch mal mit raus, was wir gar nicht so gut gefunden haben“, sagt er. Aber der Sohn habe ihn und seine Frau beruhigt: Es sei doch nur für vier Monate, dann sei seine Dienstzeit sowieso um.
Das letzte Bild in dem Fotoalbum ist vom Januar 2000 und zeigt André Horn mit Stahlhelm. Lächelnd steht er zwischen Militärfahrzeugen. Dann folgen nur noch leere Seiten. „Der André war gern dort, glaube ich“, sagt der Udo Horn. „Wer hätte denn auch wissen können …“ Er verstummt.
„Bin topfit, außer etwas Husten“
Udo Horn ist 66 Jahre alt, ein kräftiger, massiger Mann. Er hat dreißig Jahre lang gearbeitet, als Schweißer und Schlosser. Harte Arbeit. Bis sein Sohn starb im Kosovo, am 31. Januar 2000. „Da bin ich zusammengebrochen“, sagt er. 14 Jahre ist das nun her. Doch der Schmerz hat Udo Horn nie mehr losgelassen. Er sitzt so tief wie die Zweifel daran, dass der Tod seines Sohnes eine Folge unglücklicher, unvermeidbarer Umstände gewesen sein soll.
Vorsichtig nimmt Udo Horn einen Brief vom Tisch. „Den haben wir am 20. Januar 2000 bekommen“, sagt er. „Es ist der letzte Brief von André.“ Er liest vor, mit stockender Stimme: „Hallo Ihr Drei! Bei uns hier ist eine große Krankheitswelle ausgebrochen und sehr viele sind schon flachgelegt. Ich bin zur Zeit noch topfit, außer etwas Husten!“ Udo Horn legt den Brief auf den Tisch zurück. „Etwas Husten“, sagt er und lacht bitter. „Elf Tage später war er tot.“
Offiziell ist der junge Mann an einer Meningokokken-Infektion gestorben, einer bakteriellen Hirnhautentzündung. So hat es das Bundesverteidigungsministerium den Eltern ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Sohnes mitgeteilt. Eine tückische Krankheit kann das sein, sie schreitet rasant voran und kann den Patienten, wird er nicht rechtzeitig mit Antibiotika behandelt, innerhalb weniger Stunden töten. Das Ministerium hat eingeräumt, dass die Ärzte im Feldlazarett die Infektion bei André Horn nicht erkannt hätten, weil sie atypisch verlaufen sei. Die Therapie der behandelnden Ärzte sei dennoch nicht zu beanstanden.
Es ist still in dem Haus in Neupetershain in der Lausitz. André Horns Mutter ist auch da, doch sie möchte nicht über ihren Sohn sprechen, es ist zu schwer. Der Vater schaut auf den Brief. Seine Unterlippe zittert. „Mein Sohn könnte noch leben. Wenn er richtig behandelt worden wäre“, bricht es aus ihm heraus. Er nimmt einen Packen Papier vom Tisch und wedelt damit durch die Luft. „Ich habe die jetzt angezeigt“, sagt Udo Horn. „Ich lass die nicht davonkommen.“
13 Seiten ist die Anzeige lang, die er bei der Cottbuser Staatsanwaltschaft eingereicht hat. Sie richtet sich gegen den früheren Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und seine fünf Amtsvorgänger. Vertuschung und unterlassene Hilfeleistung wirft Udo Horn den Politikern darin vor. Die Anzeige hat 19 Anlagen – Soldatenbriefe, die von Mängeln in der medizinischen Versorgung in Prizren berichten; Arztberichte, die die Verwirrung der Mediziner über das Krankheitsbild von André Horn widerspiegeln; Behördenvermerke, aus denen die Gefährdung von Soldaten durch Uranmunition und Umweltverseuchung im Kosovo hervorgeht; Gutachten, die eine andere Todesursache des Hauptgefreiten nahelegen – nämlich eine Vergiftung durch Uranstaub oder Schwermetalle.
Tatsächlich weisen die Krankheitssymptome, die André Horn an seinem Todestag zeigte, nicht auf eine Hirnhautentzündung hin. Am Morgen des 31. Januar 2000 hatte er Fieber und Schüttelfrost, in der Nacht hatte er sich zweimal übergeben müssen. Die Ärzte tippten zunächst auf Gastroenteritis, also Magen-Darm-Entzündung, und wiesen ihn ins Feldlazarett ein. „Kein Meningismus“, heißt es ausdrücklich in einem Arztprotokoll – also keine Nackensteifigkeit, die auf eine Hirnhautentzündung hindeuten würde. André Horn bekam Paracetamol 1000, Tee und Zwieback.
Bis 15 Uhr kollabierte der Hauptgefreite dreimal, immer dann, wenn er vom Bett aufzustehen versuchte. Am Nachmittag schließlich gingen die Ärzte von einer atypischen Lungenentzündung aus, die zu dieser Zeit im Feldlager grassierte. Aber auch das war offenbar die falsche Diagnose. Der junge Soldat starb den Ärzten unter den Händen weg.
Udo Horn wollte von Anfang an nicht glauben, dass der Tod seines Sohnes, wie es das Verteidigungsministerium schrieb, unabwendbar gewesen sein soll. Schicksal sozusagen. Er sprach mit Ärzten, legte ihnen Protokolle über den Krankheitsverlauf vor. Die Mediziner bezweifelten ebenfalls, dass André Horn an einer Hirnhautentzündung gestorben war. Zum einen wegen der atypischen Symptome, zum anderen, weil im Gehirn des Toten laut Sektionsprotokoll vom 29. März 2000 zwar ein für diese Krankheit typisches Ödem gefunden wurde, aber keine Meningokokken nachgewiesen werden konnten.
„Ich bin überzeugt, dass mich die Bundeswehr belogen und getäuscht hat“, sagt Udo Horn heute. 14 Jahre lang hat hat er recherchiert, mit Wissenschaftlern gesprochen, Medizinern, Militärexperten. Er bekam Unterlagenkopien aus der – inzwischen nur noch auf Mikrofiche vorhandenen – Krankenakte seines Sohnes zugesteckt. Er sprach mit Bundeswehrangehörigen, die ihn in seinen Zweifeln an der offiziellen Todesursache bestärkten, aber anonym bleiben wollten. Und er ließ von Wissenschaftlern Gutachten anfertigen, die eine andere Todesursache als die offiziell verlautbarte nahelegen oder zumindest nicht ausschließen.
„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagt Udo Horn und holt seine Ordner aus dem Schrank. Etliche sind es inzwischen, gefüllt mit Briefen, Dokumenten, Gutachten und Fotos. „Entweder ist der André wegen der Umweltverseuchung im Kosovo durch Blei und Schwermetalle vergiftet worden“, sagt er. „Oder er starb an einer Kontamination durch Uran-Munition, die die Nato im Kosovo-Krieg eingesetzt hat.“ Sein Sohn sei als Kfz-Mechaniker beschäftigt gewesen, er habe an Fahrzeugen gearbeitet, die durch das Gelände gefahren sind und entsprechend kontaminiert gewesen seien. „Alles ohne Schutzkleidung, ohne dass man ihn vor dem Risiko gewarnt hatte“, sagt der Vater. „Obwohl die Bundeswehr genau Bescheid wusste über die Gefahren.“
In der Tat gibt es einen schwer wiegenden Hinweis darauf, dass die rätselhafte Erkrankung von André Horn auf eine Vergiftung zurückzuführen sein könnte. Vor zwei Jahren analysierte Professor Peter Horn, Biotechnologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München und renommierter Experte für Isotopengeochemie der Internationalen Atom- energiebehörde (IAEA), die Barthaare des verstorbenen Soldaten. Udo Horn hatte seinem – mit ihm nicht verwandten – Namensvetter den Rasierapparat sowie Ausrüstungsgegenstände übergeben, die der Sohn mit in den Kosovo genommen hatte. Bei der Analyse machte der Wissenschaftler eine überraschende Entdeckung – die Barthaare wiesen eine ungewöhnlich hohe Bleikonzentration auf. In seinem Gutachten schreibt Peter Horn, dass die Bleimenge in der Haarsubstanz „im Bereich potentiell gesundheitsgefährdender Werte“ liege und der von Menschen in Gebieten entspräche, „in denen extreme Kontaminationen der Umwelt mit Blei und typischen Begleitelementen vorliegen“.
Tatsächlich befand sich in der Umgebung des Feldlagers eine Schmelzanlage für Erze, die das Gebiet um Prizren weiträumig insbesondere mit Blei und anderen Schwermetallen vergiftet hatte. So wurde auch bei französischen Kfor-Soldaten in der Nachbarschaft des deutschen Lagers 2003 ein dramatischer Anstieg der Bleiwerte im Blut nachgewiesen.
Professor Horn schloss in seinem Gutachten aber auch eine mögliche Kontamination durch Uranmunition nicht aus. Zwar hatte er in den Barthaarresten keine Uranspuren feststellen können. Gewissheit aber könnten nur eine Exhumierung der Leiche und eine Analyse von Körpergewebe bringen.
2003 hat Udo Horn das erste Mal beim Verteidigungsministerium um eine Exhumierung nachgesucht. Das Ministerium lehnte ab. Horn blieb hartnäckig. Im Januar 2011 konnte er bei Verteidigungsminister Guttenberg vorsprechen. Sehr freundlich sei der gewesen, habe sich anderthalb Stunden Zeit für ihn genommen. „Ich hatte das erste Mal das Gefühl, jetzt tut sich was “, sagt er. Aber keine zwei Monate später trat Guttenberg zurück. Dessen Nachfolger Thomas de Maizière habe ihm nur mit einem Brief geantwortet, sagt Udo Horn und holt das Schreiben aus der Klarsichthülle. „Aus einer Exhumierung und einer Sektion des Leichnams Ihres Sohnes sind nach wissenschaftlichen Maßstäben weitergehende Erkenntnisse nicht zu erwarten“, liest er vor.
Dabei ist die Uran-These nicht so einfach von der Hand zu weisen. Schließlich hatte sich am Ort des deutschen Feldlagers in Prizren während des Kosovo-Krieges ein Stützpunkt der serbischen Armee befunden, der besonders heftig von den Nato-Truppen bombardiert worden war. Insgesamt sollen im Kosovo zwischen 10 und 40 Tonnen sogenannter DU-Munition durch Nato-Truppen zum Einsatz gelangt sein. DU steht für Depleted Uranium, also abgereichertes Uran, das sich in den Projektilen der Geschosse befindet und ihnen eine panzerbrechende Durchschlagskraft verleiht. Nach der Explosion verbrennt das Uran zu Partikeln, die eingeatmet werden können.
Auf mögliche Gefahren durch Uranmunition hatte das Ministerium im Juli 1999 im Zusammenhang mit dem Kosovo-Einsatz zwar hingewiesen, in einem Schreiben steht, „dass die Aufnahme von DU-Partikeln in den Körper wegen der radiologischen und toxischen Wirkung durch Tragen einer Staubmaske und Händewaschen vor dem Essen zu vermeiden“ sei. Dazu sei beim Besteigen eines Militärfahrzeugs „Erdstaub von Kleidung und Schutzwerk abzuklopfen, Schuhwerk abzuwaschen“. Der Bundeswehrverband aber kritisierte 2001, dass „derartige Informationen … zahlreiche Soldaten im Einsatzgebiet bis heute nicht erhalten oder nicht registriert“ hätten.
Erstmals wurde DU-Munition im Golfkrieg 1991 von der US-Armee eingesetzt. Der Kölner Filmemacher und Grimme-Preisträger Frieder Wagner hat für seinen viel beachteten Film „Todesstaub“ recherchiert, dass mindestens zwei US-Soldaten starben, die an der Bergung von Panzern in Kuweit beteiligt waren, die mit DU-Munition beschossen wurden. Hunderte weitere seien schwer erkrankt.
Der Arzt und Medizinwissenschaftler Siegwart-Horst Günther hat als Erster die gesundheitlichen Folgen einer Kontamination mit Uran aus DU-Munition erforscht und gilt als Wegbereiter dieses Forschungsgebietes. Auch er hat sich in einem Gutachten mit dem Tod von André Horn befasst und kommt zu dem Ergebnis, dass eine Uran-Kontamination ein Auslöser für die tödliche Erkrankung des Hauptgefreiten gewesen sein könnte.
Erste Diagnose: Lungenentzündung
Aus Günthers Sicht habe er möglicherweise bei seiner Arbeit an den staubbedeckten Fahrzeugen Uranoxidpartikelchen aufgenommen, die sich in seiner Lunge festsetzten, was zu einer dramatischen Schwächung seines Immunsystems führte. In der Folge, glaubt Günther, erkrankte André Horn an einer Pneumozystose, einer Pilzinfektion der Lunge, und starb. Dafür spricht, dass der Hauptgefreite schon in den Wochen zuvor über andauernden Husten klagte und die Ärzte in ihrer ersten Analyse der Todesursache noch auf eine atypische Lungenentzündung tippten. Letzte Gewissheit aber, so Günther, könnten nur eine Exhumierung und eine Analyse des Rückenmarks bringen. Dort könnte man noch heute Spuren des Urans finden.
Das Verteidigungsministerium aber will von einem solchen Zusammenhang nichts wissen. Auf Anfrage teilte es dieser Zeitung mit, dass ihm „keine deutschen Soldatinnen und Soldaten bekannt (sind), die im Kosovo eingesetzt waren und an den Folgen einer Uran- oder Bleiexposition erkrankt oder verstorben sind“. Dies treffe auch auf André Horn zu. Es gebe „keinerlei Anhalt für einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung sowie dem Tod des André Horn und den vom Vater vermuteten möglichen Todesursachen infolge einer relevanten Exposition mit abgereichertem Uran oder infolge einer erhöhten Bleibelastung“.
Udo Horn stapelt seine Ordner. Es gehe ja nicht nur um seinen Sohn, sondern auch um die anderen deutschen Soldaten im Ausland. „Man muss doch wissen, was den Jungs da draußen droht“, sagt er. „Oder wollen die da oben das gar nicht?“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de