„Casino 36“ prangt in großen Buchstaben auf dem zweistöckigen Beton-Flachbau direkt am Kottbusser Tor. Neben der Spielothek gibt es eine Drogeriekette, einen Späti, ein Telecafé und mehrere Imbisslokale. Beherrscht wird das gesamte Umfeld von einem monströsen Wohnbunker, der – im Halbkreis angelegt – auch die Adalbertstraße fest im Griff hat. Aus fast allen Balkonen lauschen Satellitenschüsseln in den Himmel wie Blumen, die sich der Sonne entgegendrehen.
Hinter der kleinen Passage des Bunkers, vorbei an Döner-Bude und „Wraperia“ gelangt man über ein nüchternes Treppenhaus in eine andere Welt: Ein großer Raum mit Vintage-Sesseln und Sofas, die wie zufällig angeordnet um kleine Tische herumstehen. Opulente Kronleuchter beleuchten matt Tapeten mit verschnörkelten Mustern, deren dunkle Töne unterbrochen werden von Gemälden: Marlene Dietrich, den Kopf lasziv in den Händen haltend, schaut mit großen Augen, und Liza Minelli posiert in ihrem „Cabaret“-Kostüm. Die Bar dominiert ein langer, geschwungener Holz-Tresen, die Flaschen sind in blaues Licht gehüllt. „Queen Qotti“ nennt sich dieser Club, der seit wenigen Monaten hier in diesem nüchternen Zweckbau – von außen kaum zu sehen – seine Heimat hat.
„Wir haben den Club auf alt getrimmt“, sagt der Betreiber Cafer Kilic, „denn er soll zu unserem Programm passen“. Jeden Dienstag wird hier Swing getanzt, Tango- und Burlesque-Partys sind geplant. „Wir wollen etwas anbieten, das es am Kotti so noch nicht gibt“ sagt Kilic. Dabei ist das Angebot schon groß – in den letzten Jahren ist hier eine vielfältige Bar- und Clubszene auf engstem Raum entstanden.
Den Anfang machten vor zehn Jahren der mittlerweile ausgebrannte „Festsaal Kreuzberg“, der angrenzende Club „West Germany“ und das „Möbel Olfe“ am Anfang der Dresdner Straße, eine Bar, so legendär wie gut besucht, mittlerweile von Menschen aus der ganzen Welt. Es folgten die kleine feine „Paloma Bar“ und der „Monarch“, ein Club an der Skalitzer Straße, von dem aus man über den nächtlichen Kreisverkehr des Kottis gucken kann.
Monströser Betonklotz
In den vergangenen vier Jahren eröffneten der „Multi-Layer-Laden“, das „Café Kotti“ und der „Südblock“. Und fast zeitgleich mit dem „Queen Qotti“ haben die Betreiber vom Festsaal eine neue Bar eröffnet, die „Fahimi Bar“. Sie alle befinden sich entweder direkt in dem zwölfgeschossigen Wohnriegel oder in den vorgelagerten Geschäftsgebäuden. Nach fünf Jahren Bauzeit wurden 1974 das „Neues Kreuzberger Zentrum“ (NKZ) fertiggestellt, wie der Betonklotz offiziell heißt.
Mit 367 Wohnungen, zwei Parkhäusern und 15.000 Quadratmetern Laden- und Gewerbeflächen war es eines der größten Bauprojekte der damaligen Zeit und hat bis heute nichts von seiner monumentalen Hässlichkeit eingebüßt. Der voluminöse Bau sollte als Puffer zu einer geplanten Autobahn dienen, die mitten durch Kreuzberg gehen sollte. Das NKZ wurde so zum Symbol der Kahlschlagsanierung und betonfixierten Baupolitik der 60er- und 70er-Jahre.
Brachen: Sie werden immer weniger und sind aber so beliebt. Hier an der Cuvrystraße in Kreuzberg treffen sich die Berliner zum Feierabendbier. Sie sitzen auf der Erde, genießen zwischen Brandmauern das Feierabendbier. Andere zelten. Bänke, Luxus, Tische? Brauchen die Berliner nicht.
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Relaxen: Unter bunten Grafittis auf Betonmauern haben es sich diese beiden Männer im Görlitzer Park in Kreuzberg bequem gemacht. Laut Polizei gehört der Park zu den gefährlichsten Ecken Berlins. Das stört die Berliner nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Im Sommer ist der Park proppevoll. Zwischen die Dealer mischen sich Touristen, Grillexperten und jede Menge Familien, die dort picknicken. Im Winter bekämpfen sich die Kreuzberger und Neuköllner auch gerne mal bei einer großen Schneeballschlacht.
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Wasser: Kreuzberg ist Wasser. Irgendwo findet sich an den Nebenflüssen der Spree immer ein Plätzchen. Zum Füße baumeln lassen. Zum Rumsitzen. Zum Reden.
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Protest: Kreuzberg steht für Krawall, Protest und Demos. Gentrifizierung, das böse G-Wort, macht auch vor X-Berg nicht Halt. Immer wieder gibt es öffentliche Aktionen gegen zu hohe Mieten, gegen Verdrängung und Veränderung.
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1. Mai: Die Oranien-und Mariannenstraße ist Symbol der Krawalle am 1. Mai in Berlin. Immer wieder kommt es zu heftigen Ausschreitungen und Festnahmen.
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Kotti: Nicht schön, aber ehrlich. Während beim ersten Mai auf dem traditionellen "Myfest" gefeiert wird, bewachen Polizisten das bunte Treiben. Auch sonst ist das Kottbusser Tor Anziehungspunkt in Kreuzberg. Vor allem, weil sich die Oranienstraße ganz in der Nähe befindet. Diese wird immer mehr zur Ausgehmeile: Bars, Shops, Restaurants ziehen jedes Wochenende Tausende an.
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Treffpunkt: Warum sich die Admiralbrücke in Kreuzberg zum beliebten Treffpunkt entwickelt hat, weiß keiner so genau. Fakt ist, dass die Brücke über dem Landwehkanal jeden Sommerabend von Touristen und Berlinern belagert wird - zum Entsetzen der Anwohner. Aber der Ort wurde ja selbst im Reiseführer "Lonly Planet" beworben. Doch eigentlich gibt es hier nichts, was es nicht auch anderswo in Berlin gibt. Man sitzt auf den Pflastersteinen auf dem Boden, muss sogar seine Füße zur Seite ziehen, wenn ein Auto vorbeifährt. Am Ende der Nacht sind die Scherben der Bierflaschen die letzten Überbleibsel. Die Polizei vertreibt die Besucher inzwischen.
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Viktoriapark: Im Sommer eine wirkliche Park-Alternative. Der Viktoriapark ist im Sommer längst nicht so überlaufen, wie der Görlitzer Park. Und außerdem gibt es einen kleinen Wasserlauf. Baden ist nicht empfohlen. Aber gucken schon.
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Denkmal: Ein Stückchen höher steht das Nationaldenkmal von Karl Friedrich Schinkel - geformt wie der Turm einer gotischen Kathedrale. Beliebter Treffpunkt und Pflichtprogramm für Kreuzberg-Touristen.
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Bergmannkiez: Was die Kastanienallee in Prenzlauer Berg und die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain ist, das ist die Bergmannstraße in Kreuzberg: Cafés, Bars, Restaurants und schnell steigende Mieten.
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Schwimmen: Wohl das bekannteste Schwimmbad Berlins. Das Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg ist nicht erst durch den Film "Prinzessinenbad" bekannt geworden. Er steht für Multi-Kulti in Kreuzberg. Wirkliche Highlights gibt es zwar nicht, aber die Wiese ist riesig und das Freibad immer voll im Sommer.
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Molecule Man: Vier Männer.... Eins, zwei, drei... vier? Die Skulptur besteht eigentlich aus drei Figuren, aber je nach Blickwinkel sieht man manchmal nur zwei. Sie steht mitten in der Spree und ist von Bildhauer Jonathan Borofsky geschaffen.
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Sport: Paddeln auf dem Kanal. Manchmal muss man zwar den Touristendampfern ausweichen und das Wasser sieht auch alles andere als lecker aus. Aber der Blick auf Kreuzberg ist sicher "knorke".
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Der Komplex entwickelte sich zu einem sozialen Brennpunkt mit hohen Kriminalitätsraten und einer virulenten Drogenszene und galt noch bis vor ein paar Jahren als Berlins gefährlichster Drogenumschlagplatz. „Es gab schon extreme Zeiten hier, aber gleichzeitig boten sich auch Möglichkeiten“ sagt Björn von Swieykowski. Mit drei Partnern betreibt er den „Monarch“, die Bars „Paloma“ und „Fahimi“ und eigentlich auch den „Festsaal“, wenn denn dieser wieder aufgebaut wird.
Noch vor 15 Jahren stand viel leer am Kotti, die Mieten waren billig. Es kamen in Folge die Künstler, die Designer und Studenten und mit ihnen der Durst nach einem abwechslungsreichen Nachtleben. „Diese monströse Fehlplanung hat Räume und Nischen für viele Projekte gelassen“ sagt von Swieykowski und meint damit natürlich das Zentrum Kreuzberg, wie das NKZ seit 2000 heißt.
Der besondere Charme
Das kulturelle Angebot sucht so konzentriert wohl seinesgleichen in Berlin. Es gibt Konzerte, Partys, Tanzabende, Shows, Lesungen, Ausstellungen und Diskussionsabende. „Wichtig ist für uns, dass wir einen Bezug zum Kiez haben und nicht zu beliebig werden“ sagt von Swieykowski. In der „Fahimi Bar“ findet regelmäßig die „Verbrecherversammlung“ statt – Lesungen des Kreuzberger Verbrecher Verlages. Und der Monarch bietet eine kleine Bühne für Musiker jenseits des Mainstream.
Besonders engagiert im Kiez zeigt sich der „Südblock“. In der Show „Kottywood“ wird die Kotti-Queen gekrönt, die sich, unabhängig vom Geschlecht, besonders um die Gegend verdient gemacht hat. Und neben vielen anderen Veranstaltungen, bietet der „Hartzer Roller“ einmal die Woche Beratung zum Thema Arbeitslosigkeit und Hartz IV.
Die musikalische Bandbreite der Veranstaltungen reicht von Elektro über Indie, Folk und trashigen Pop bis hin zu HipHop. Und jetzt wird eben auch Swing im Queen Kotti gespielt. „Meine Idee ist es, dem Kotti etwas Glamour zu verleihen. Man soll nicht nur von den Drogen und Junkies sprechen“ sagt Kilic. Der 38-Jährige kennt die Gegend bestens. Er ist in der Oranienstraße aufgewachsen und hat dort viele Jahre eine Bar betrieben. Die Räume hat er von einem Bekannten übernommen, der dort ein Wettbüro betrieb, und sie aufwendig umgebaut. „Der Blick auf die Hochbahn, umringt von den Hochhäusern, ist einzigartig“ sagt er. Der Kotti habe halt einfach einen besonderen Charme.
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